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Angela Merkel spricht über ihre Memoiren, die bewegten Zeiten ihrer Kanzlerschaft und ihre Gedanken zur Politik, DDR, Freiheit und Zukunft. Einblick in ihre persönliche Sicht auf prägende Ereignisse und Entscheidungen.
Published November 26, 2024
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Angela Merkel
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Absolut! Hier ist das Interview in einem klaren Frage-Antwort-Format strukturiert, wie gewünscht:
Befragte: Ja, ich habe zusammen mit meiner langjährigen Beraterin Beate Baumann ein Buch geschrieben und das war ein Prozess in mehreren Stufen. Ganz am Anfang konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass ich mal ein Buch schreibe über meine Kanzlerzeit. Dann kam das Jahr 2015, 4. und 5. September und diese Entscheidung auch, dass Flüchtlinge nach Deutschland kommen konnten. Und das hat eine sehr große Kontroverse hervorgerufen. Das war der Satz, wir schaffen das? Wir schaffen das, war kurz vorher und darüber gab es sehr, sehr viele kontroverse Diskussionen. Und dann habe ich gedacht, dass ich auf jeden Fall über diese Phase einmal schreibe, denn das war schon so, dass ich den Wunsch hatte, über meine Motive nochmal zu reden und meine Dinge, wie ich dazu gekommen bin. Und dann kam die Corona-Zeit mit nochmal wirklichen Zumutungen. Ich habe das ja auch eine demokratische Zumutung genannt, eine einzige demokratische Zumutung. Und da wurde immer klarer, vielleicht doch ein Buch zu schreiben. Und dann, als ich aus dem Amt schied, da war ich entschieden, zusammen mit meiner langjährigen Beraterin eben, die auch so etwas wie Zeitzeugin ist, dieses Buch zu schreiben. Und als ich dann anfangen wollte, kam Putins Überfall auf die Ukraine. Das war erst einmal nochmal ein Schock. Und hat dann eine Weile gedauert, bis sich klar war, dass es kein Buch über die Ukraine sein soll. Obwohl es sicherlich das einschneidendste Ereignis auch im Blick auf die europäische Geschichte war. Und dann ist klar geworden, mir plötzlich, du hast ja 35 Jahre in der DDR gelebt. Und wenn das Buch jetzt erscheint, 35 Jahre in dem vereinten Deutschland. Und deshalb sind die zwei Teile, die ja im Grunde ein Leben sind, eigentlich das Band, das dieses Buch zusammenhält.
Befragte: Ja, es ist ja interessant. Ich konnte jetzt zum ersten Mal, nachdem ich aus dem Kanzleramt ausgeschieden bin, doch nochmal in Ruhe über meine Zeit auch in der DDR nachdenken. Denn von 1990 an hatte ich immer neue Sachen zu erleben, zu lernen. Und diese Rückbesinnung auf das Leben in der DDR war für mich auch sehr spannend und war auch ein sehr interessanter Prozess. Also bin ich in diesen Teil wieder eingetaucht. Natürlich hat man da Familienerinnerungen, ich habe meine Geschwister auch zum Teil gefragt. Und dann, wenn man in die Zeit von mir als Politikerin hineinkommt, dann hatte ich zum Teil Erinnerungen, zum Teil meine Aufzeichnungen über Termine, aber nicht sehr viele Akten. Das heißt also, ich musste auch vieles nachschauen.
Befragte: Ja, mich ganz googeln, das mache ich lieber nicht, das ist zu viel. Aber ich habe natürlich meine Reden im Deutschen Bundestag nachgeschaut. Ich hatte zum Teil noch auch Informationen über die Pressekonferenzen, die ich gegeben habe. Da konnte ich dann auch zurückgreifen auf die Protokolle. Und dann kommen langsam wieder die Erinnerungen. Aber ich schreibe ja kein Buch als Historikerin. Also ich habe jetzt nicht alle Akten mir angeschaut, also ich habe mir gar keine Akten angeschaut, sondern ich schreibe Erinnerungen. Und Erinnerungen sollen so möglichst geschrieben sein, dass auch jemand, der jetzt nicht Historiker oder Historikerin ist, vielleicht Lust verspürt, da mal reinzuschauen.
Befragte: Ja, ich hatte mir vorgenommen, dass ich doch manche Restriktionen, die ich mir selbst auferlegt habe, jetzt fallen lassen kann. Ich bin nicht mehr im Amt, ich kann über bestimmte Ereignisse unbefangener sprechen, natürlich immer noch verantwortlich. Da gibt es ja auch eine nachlaufende Verantwortung, aber auf jeden Fall unbefangener. Und ich hatte mir auch vorgenommen, wenn ich so ein Buch schon schreibe, dann soll es auch wenigstens einigermaßen ehrlich sein. Also die Motive, die Haltungen, die Erfahrungen präsentieren, die ich gesammelt habe. Und ein kleiner Blick hinter die Kulissen. Ich schreibe ja auch im Prolog oder wir schreiben im Prolog, Politik ist kein Hexenberg. Sie wird im Grunde von Menschen gemacht, wie alles, was um uns herum passiert. Und diese Menschen in der Politik sind nicht anders als Menschen in anderen Bereichen des Lebens.
Befragte: Im Augenblick nicht. Das war eine sehr, sehr große Arbeit, denn es musste ja auch so viel ausgewählt werden, also weggelassen werden. Und was nehme ich? Der Teil 35 Jahre DDR war schon aufregend, sagen wir mal. Und dann nochmal 35 Jahre davon, 16 Jahre Kanzlerschaft, in denen jeden Tag sehr, sehr viel passiert. Ja, es ist wirklich so. Und sich dann zu entscheiden auf 700 Seiten, was davon wählst du aus? Und wie packst du das zusammen? Das war für uns schon eine große Arbeit und ich hätte es auch alleine nicht gekonnt. Das war schon, dass wir es zusammen gemacht haben, sehr, sehr hilfreich. Und da ist jetzt erst mal mein Bedarf gesättigt. Ich habe noch nie so viele Seiten geschrieben.
Befragte: Ich glaube, dass ich möchte auf Lesereise gehen. [...] Ich möchte eine Lesereise machen und auch wirklich dann nur lesen. Aber ich habe jetzt, wenn ich darüber nachdenke, schon mal überlegt, dass es wohl überall etwas anderes sein wird. Das Buch ist ja sehr vielfältig und mein erster Aufenthalt mit der eigenständigen Lesereise, wo ich also nicht interviewt werde, das wird in Stralsund sein. Da bin ich in meinem Wahlkreis und da werde ich natürlich etwas anderes lesen, als wenn ich jetzt in Frankfurt, Köln oder Zürich und Wien bin. Und insofern muss ich mir das noch überlegen. Aber ich persönlich mag sehr gerne, das wird aber vielleicht gar nicht so öffentliches Interesse finden, den Abschnitt, wo ich auf die Welt schaue, auf meinen Globus, auf dem Schreibtisch und dann mir so vorstelle, wie ist das mit den verschiedenen Ländern, was weiß ich über diese Länder und auch darüber spreche, was ist der Unterschied zwischen einem Globus und einer Landkarte. Ein Globus, da ist jedes Land gleich weit vom Mittelpunkt entfernt. Auf einer Landkarte liegen manche Länder außen und manche im Zentrum. Und ich war so frappiert, als ich dann von dem Australier gehört habe. [...] Und das fand ich unglaublich spannend.
Befragte: Also ehrlich gesagt nicht. Nee? Ich war dann froh. Bringt ja auch nichts. Ich war dann froh, dass sich dieses völlig unerwartete Fenster geöffnet hat oder besser gesagt die Tür geöffnet hat. Und darüber habe ich nicht, ehrlich gesagt, nachgedacht. Ich hatte immer in der DDR darüber nachgedacht, dass für Frauen das Rentenalter schon mit 60 beginnt und dass ich dann reisen kann. Aber mir schien die Zeit dann zwischen dem 35. Lebensjahr oder sagen wir mal dem 34., als ich noch nicht wusste, dass die Mauer geöffnet wird, und dem 60. schon noch ziemlich lang, also ich weiß nicht ganz genau, was aus mir geworden wäre.
Befragte: Ja, das weiß ich nicht. Ich schreibe ja an einer Stelle in dem Buch, dass es vielleicht so ist, dass diese Tristesse auch der DDR-Farben, auch die Geschmacklosigkeit an Materialien, dass das mich vielleicht dazu gebracht hat, jetzt in die Vollen zu greifen. Aber es ist sicherlich vielleicht auch eine Antwort gewesen, wie kann ich mich als Frau in der Männerwelt ein bisschen unterscheiden. Und trotzdem hatte ich ja sozusagen eine sehr konsistente Kleidung, weil ich immer dachte, dass Menschen, wenn sie erst mal die ganze Zeit mit meiner Kleidung beschäftigt sind, nicht mehr so richtig zuhören, was ich an politischer Botschaft habe. Und heute sind ja die Nachrichtenschnipsel oft sehr kurz. Das heißt, auf der einen Seite hatte ich Hose, Bläser, so, und dann war nur noch die Frage Farbe. Und ansonsten wusste der Mensch, der den Fernseher einschaltete, was er an mir hatte.
Befragte: Ja, ich hatte mir vorgenommen, dass ich doch manche Restriktionen, die ich mir selbst auferlegt habe, jetzt fallen lassen kann. Ich bin nicht mehr im Amt, ich kann über bestimmte Ereignisse unbefangener sprechen, natürlich immer noch verantwortlich. Da gibt es ja auch eine nachlaufende Verantwortung, aber auf jeden Fall unbefangener. Und ich hatte mir auch vorgenommen, wenn ich so ein Buch schon schreibe, dann soll es auch wenigstens einigermaßen ehrlich sein. Also die Motive, die Haltungen, die Erfahrungen präsentieren, die ich gesammelt habe. Und ein kleiner Blick hinter die Kulissen. Ich schreibe ja auch im Prolog oder wir schreiben im Prolog, Politik ist kein Hexenberg. Sie wird im Grunde von Menschen gemacht, wie alles, was um uns herum passiert. Und diese Menschen in der Politik sind nicht anders als Menschen in anderen Bereichen des Lebens.
Befragte: Ja, ich habe das ja vorher in dem Buch auch dargestellt. Also für mich ist Feminismus nicht verbunden damit, dass Männer völlig ausgegrenzt werden oder dass man sich in seiner Totalkonfrontation befindet. Aber ich habe schon in meinem Leben auch erleben müssen, dass es kein Vorteil ist, Frau zu sein in der Politik. Das war bei der Wahl 2005 ganz klar, dass selbst viele Frauen nicht getraut haben, ob eine Frau das nun wirklich kann im Vergleich damals zu Gerhard Schröder. Und auch ansonsten ist es einfach so, dass meine Illusion, als ich jetzt in die Freiheiten aus der Diktatur der DDR kam, dass, wenn alle Personen gleichberechtigt sind, dass sich das von alleine ergibt. Die hat sich natürlich als große Fehleinschätzung herausgestellt. Und das habe ich im Laufe meines Lebens gelernt. Und deshalb bin ich in der Hinsicht auch immer feministischer geworden.
Befragte: Ich glaube, so einen Schutzraum wie meine Eltern, insbesondere meine Mutter für mich gewesen ist, dass sie mich hat laufen lassen, aber dann auch immer bewahrt hat, wieder mit dem Staat in Konflikt zu geraten. Einen solchen Schutzraum braucht man heute nicht. Aber ich glaube, dass ich ein gewisses Rollenmodell vielleicht gewesen bin. Also dass Frauen sich was zugetraut haben, dass Mädchen aufgewachsen sind 16 Jahre lang mit mir als Kanzlerin. Dass es also etwas sehr Normales geworden ist. Und das ist für mich eine Freude.
Befragte: Ich habe mich immer bemüht, ein bodenständiger Mensch zu bleiben. Ich weiß genau, dass es das Allerwichtigste ist, als ich Kanzlerin war. Und ich wollte immer vermeiden, dass sich überhaupt nicht keiner mehr traut, mir irgendwas zu sagen. Weil das weiß ich ja aus dem eigenen Leben, dass das nicht gut gehen kann. Gleichzeitig habe ich mich auch immer gesehnt danach. Ich glaube, ich bin ländlich bodenständig aufgewachsen. Und da weiß ich ja, wie Menschen ticken. Und wenn das dann alles gekünstelt ist irgendwie und man den Eindruck hat, die Leute gehen aus der Tür und fangen dann an zu tuscheln. Das wollte ich nicht. Und da war ich immer ein bisschen auf dem Kivis.
Befragte: Zeit haben, interessante Menschen kennenlernen und schöne Städte oder interessante Städte kennenlernen. Aber vor allen Dingen immer wieder neue Menschen kennenlernen und Zeit haben. Das war oft nicht der Fall in meinem sehr getakteten Leben als Bundeskanzlerin. Und dieses jetzt nicht immer auf die Minute schauen zu müssen, das genieße ich jetzt sehr. Aber ein gutes Essen ist für mich auch durchaus Luxus.
Befragte: Naja, ich schaue sehr gerne Fußball als Entspannung, muss ich sagen. Ich schaue dann manchmal auch Fernsehserien. Ich erzähle jetzt mal nicht welche. Als ich zum Beispiel geschrieben habe, wo man dann echt was braucht, was einen völlig ablenkt, vorzugsweise auch Serien so über Krankenhäuser, Ärzte, Medizin.
Befragte: Ja. Ach, Sie meinen, ob ich noch über was ganz anderes erzählt hätte? Genau, also wenn Sie jetzt einfach, nein, nein, nein, nein, nein, geh mir weg. Nein, nein, nein, nein, ich bin Politikerin und nicht zur Schriftstellerin geboren.
Befragte: Sie können ja aus diesem Scrabble von der Süddeutschen Zeitung stammen, wo man immer Stimmt, genau, ja. Was Sie jetzt, nein, das wusste ich nicht.
Befragte: Ja, ich glaube, die Wichtigste haben Sie jetzt noch gar nicht genannt, das ist irgendwie neugierig auf Menschen zu sein. Ich bin ja sehr, sehr vielen Menschen begegnet. Viele konnten mit mir gar nicht weiter sprechen. Aber ich bin in einen Saal gegangen, wenn ich eine Rede gehalten habe und konnte sehr schnell erfassen oder erfühlen, was ist da für eine Stimmung und wie kann man vielleicht auch die Menschen öffnen. Können sie dir folgen, können sie nicht folgen? Und wenn man sich für andere Menschen nicht interessiert, dann ist das, glaube ich, ein sehr großes Manko. Zweitens muss man sehr schnell umschalten können, also von Innenpolitik auf Außenpolitik, von Afrika auf Steuerreformen hier oder Fraktionssitzungen eben, dann wieder ein Telefongespräch mit einem internationalen Kollegen und sehr viele Themen im Kopf haben. Ich habe davon profitiert, dass ich, glaube ich, recht gut damit umgehen kann, den Verlauf eines Tages nicht voll zu kennen. In der Politik kann es sein, sie stehen auf, ist alles ruhig und dann passiert etwas Schreckliches oder etwas sehr Schönes und der gesamte Tag verändert sich und damit auch die nächsten Tage. Damit muss man umgehen können. Und dann haben sie ja das genannt, eine gewisse Fähigkeit, auch mal unregelmäßige Tagesabläufe oder mal kurze Nächte zu verkraften. Man muss Reiseresistenz sein, glaube ich. Also es darf einem nicht so viel ausmachen. Gerade Hubschrauberflüge sind zum Teil sehr anstrengend, weil es einfach sehr laut ist.
Befragte: Ja, naja, cool. Es ist sehr schnell, es ist doch auch anstrengend, muss man einfach sagen, weil die, wie gesagt, die Lautstärke und die Windabhängigkeit, also wenn es ein bisschen windig ist, dann schaukelt es ganz schön und das muss man abstrahieren können und nicht so daran denken.
Befragte: Ich finde, wir hatten die schönste Zeit zu diesem gesunden Nationalstolz während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. [...] Und das war ja dann in Brasilien, als wir Weltmeister wurden, aber 2006, als wir den dritten Platz belegt haben, da, ja, es war wunderschön, Freude pur. [...] Also 2006, als die Fußball-Weltmeisterschaft hier in Deutschland stattgefunden hat, da gibt es ja auch Bilder in dem Buch, und da war zum ersten Mal, dass Menschen sich so schwarz-rot-gold angemalt haben, das Wetter war toll, es war eine Leichtigkeit, und das hatte auch sehr viel mit Jürgen Klinsmann aus meiner Sicht zu tun, der als auch so polyglotter Bundestrainer, auch Franz Beckenbauer hatte natürlich einen großen Anteil, da eine Stimmung hereingebracht hat, die hat mir unglaublich gut gefallen, weil aus der DDR kommt, wo wir natürlich keinen Stolz auf die DDR hatten, hat es mich am Anfang manchmal verwundert, dass es doch so eine Resistenz gab oder so eine Zurückhaltung, eine deutsche Fahne zu schwenken oder schwarz-rot-gold gut zu finden. Und ich finde, mit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hat sich das etwas gebessert.
Befragte: Also als Gefahr? Also ich will vielleicht noch eins sagen, die AfD hat ja etwas begonnen, was dann genau diesem Nationalstolz entgegen geht, nämlich sie hat erklärt, wir sind das Volk, also sie und ihre Anhänger. Und da habe ich mich von Anfang an extrem gegen gewehrt, weil wenn irgendeine Partei versucht zu bestimmen, wer denn nur noch zum Volk gehört, und wer jetzt irgendwie die Elite ist oder nicht mehr dazugehört, dann passiert etwas ganz, ganz Schreckliches mit unserem Land. Und die AfD ist entstanden im Grunde, als die Euro-Krise stattfand. Sie ist dann knapp 2013 nicht in den Bundestag gekommen, aber war auch schon eben über vier Prozent. Und ist natürlich im Zusammenhang mit den vielen bei uns ankommenden Flüchtlingen, hat sie noch mal viele Menschen erreicht. Und inzwischen hat sie sich eben leider in den neuen Bundesländern auch sehr verbreitert. Und die Aufgabe, wie kann ich sozusagen ein Gegenprogramm entwickeln, um die AfD-Wähler, die heute AfD wählen, wieder in die demokratische Mitte zu bringen, diese Aufgabe, die steht. Und die ist eine große, große Verantwortung für die demokratischen Parteien aus meiner Sicht. Und darüber schreibe ich ja auch in dem Buch, dass da auch die Tonalität sehr viel ausmacht, das Miteinander von Parteien, die natürlich um die besten Ideen ringen und sich bemühen. Aber der Respekt, dass der da sein muss und der Umgangston, und dass man auch in den eigenen Reihen mit Leuten, die vielleicht nicht gerade die Mehrheitsbeinigung vertreten, sehr vorsichtig umgehen muss. Also wir müssen Vorbild sein an der Stelle.
Befragte: Naja, manche Menschen kann man vielleicht wirklich nur sehr, sehr schwer abholen, weil sie gar nicht mehr zuhören wollen. Aber dort, wo ein Gespräch möglich ist, ich würde immer versuchen, ein Gespräch, wo man noch auf Argumente hört, da muss man sich eben austauschen und auch, wie soll ich sagen, andere ausreden lassen, ein Gegenargument einbringen und über Gespräche versuchen, vielleicht doch wieder ein besseres Miteinander hinzubekommen.
Befragte: Ich bin mit der Situation so umgegangen, wie ich es für richtig gehalten habe und wie ich glaubte, dass, und auch heute noch glaube, dass unsere europäischen Werte uns das aufgeben. Das heißt auf der einen Seite, Menschen, die bei uns ankamen, menschlich zu behandeln, ihnen ein faires Verfahren zu ermöglichen, denen, die nicht bei uns bleiben können, auch zu sagen, ihr könnt hier nicht bei uns bleiben und das ist ja eines unserer großen Probleme, dass diese Menschen dann auch wieder in ihre Heimatländer zurückkehren müssen. Zweitens, alles zu tun, um die illegale Migration zu stoppen und dazu habe ich ja dann auch das sehr umstrittene Abkommen mit der Türkei abgeschlossen, wo viele auch gesagt haben, wie kannst du jetzt mit Präsident Erdogan darüber verhandeln? Er teilt ja nicht in allem unsere Werte und dazu habe ich auch gestanden. Denn die illegale Migration ist natürlich unmenschlich im Grunde. Sie bringt die Menschen in Gefahr, sie kostet viel Geld und es führt vielleicht dazu, dass gar nicht die wirklich Bedürftigen kommen. Also der Idealfall wäre, wir würden uns entscheiden, Menschen in wirklicher Not aus den Herkunftsgebieten, wo Krieg herrscht oder Not, zu uns kommen lassen und dann eben auch Fachkräfte natürlich zu uns kommen lassen. Das ist ein langer Prozess und diesen Prozess, davon war ich überzeugt, den werden wir nicht an der deutsch-österreichischen Grenze lösen, sondern das muss Europa gemeinsam tun. Diese europäische Gemeinsamkeit ist leider nicht so ausgeprägt, wie ich mir das gewünscht habe. Und wir müssen es in Partnerschaft mit anderen Ländern jenseits zum Beispiel des Mittelmeers oder jenseits unserer europäischen Außengrenzen tun. Aber ich bin von den Grundentscheidungen her der Überzeugung, auch wenn es viel Kontroverse gebracht hat, auch wenn es Gegenwind auch heute noch gibt, dass vom Grundsatz her diese Entscheidungen richtig waren.
Befragte: Also entwurzelt bin ich nicht, weil ich die DDR-Vergangenheit ja auch zur deutschen Geschichte dazu rechne. Es ist vielleicht eine andere Wurzel, aber vom gleichen Baum sozusagen. Und das ist ja auch mit ein Problem, das schreibt ja im Buch auch darüber an einer Stelle, ich bezeichnet wurde, dass ich mit dem Ballast der DDR-Biografie ja noch nicht sofort eine von der Pike aufgelernte CDU-Mitglied sein konnte. Und ich meine, was sagt das aus, wenn der Teil der Wurzeln, der aus der ehemaligen DDR kommt, irgendwie der Ballast ist, den man am besten über Bord wirft und dann wäre man entwurzelt. Aber ich finde, wir haben ja auch etwas zur deutschen Geschichte beigetragen. Und wenn man dann denkt, wie die DDR zu Ende gegangen ist, wie viele mutige Menschen es gab, die Vorreiterinnen und Vorreiter waren, dann ist das ein ganz stolzer Teil der deutschen Geschichte. Und das haben vielleicht manchmal noch nicht alle genau erfasst.
Befragte: Diese Art, ja. Ich schreibe ja gleich zu Beginn des Buches, eine solche Geschichte wird es nicht wieder geben, weil die deutsche Teilung ist überwunden. Das heißt, es kann niemand mehr aus der DDR kommen. Die, die jetzt kommen werden, werden alle schon im Vereinigten Deutschland geboren sein. Und 35 Jahre Leben in der DDR wird keiner mehr hinkriegen. Dass wieder mal eine Frau Kanzlerin wird, das wünsche ich mir allerdings. Also da besteht der Unterschied zwischen Ostdeutsch und Frau.
Befragte: Das weiß ich nicht, ob überhaupt. Das weiß ich nicht, ist mir aber auch egal, ehrlich gesagt. Ich habe ja das Buch auch nicht für meine Kollegen geschrieben. Die kennen sich ja alle in der politischen Landschaft aus. Ich habe es geschrieben, vielleicht für junge Menschen, die überlegen, gehe ich in die Politik. Für die, die sich vielleicht interessieren, wie läuft das alles ab. Und die auch vielleicht ein bisschen Achtung für die Demokratie haben. Und aus dem Buch wünsche ich mir, dass erkennbar wird, dass das einfach auch ein ganz feines Gespinst ist. Ich schreibe ja auch darüber, über meine vielen Termine, die ich jedes Jahr gemacht habe. Und manch einer wird das vielleicht langweilig finden. Aber das ist so wichtig für ein Land, dass man sich kennt, die verschiedenen Entscheidungsträger auf den verschiedenen Ebenen. Dass ich auch verstanden habe, dass in Deutschland nie eine Kanzlerin alles entscheidet, sondern dass ganz viele Menschen zu den Entscheidungen beitragen. Und dann die vielen außerhalb der Politik, im Wirtschaftsbereich, im Gewerkschaftsbereich, im Sportbereich. 29 Millionen Ehrenamtliche. Das ist doch eine unglaubliche Sache. Und das macht eigentlich erst den Reichtum aus. Und dieses, wir schaffen das, was ich gesagt habe, da ist ja, das ist auf der einen Seite meine Haltung. Wenn einem was sich entgegenstellt, muss man es eben versuchen. Aber ich schreibe ja auch, es ist auch eine Erfahrung, dass ich nicht enttäuscht wurde, dass so viele Menschen auch mitgemacht haben. Und daraus kommt eigentlich der Reichtum unseres Landes.
Befragte: Ich glaube nicht, dass dieser Raum zur Aggression in der Ukraine geführt hat. Es gab immer die These, wenn zum Beispiel Nord Stream 2 in Betrieb ist, dann wird Putin die Ukraine überfallen. Er hat sie überfallen, obwohl Nord Stream 2 gar nicht in der Politik noch gar nicht fertiggestellt war. Ich glaube, dass es schon richtig war, die Kontakte zu haben, auch wirtschaftliche Kontakte. Wir sehen jetzt auch, dass er sehr schnell ausweichen kann auf Indien oder andere Länder. Also es ist ja nicht so, wenn wir bei ihm nicht kaufen, dass er nichts mehr verkauft bekommt. Ich glaube vielmehr, dass wir hätten ernsthaft da die Abschreckungsseite entwickeln müssen, also militärisch mehr investieren müssen, das 2-Prozent-Ziel schneller erreichen müssen. Das ist mir nicht gelungen. Ich habe zwar nicht dazu bekannt, aber ich hatte ja auch Koalitionspartner. Das ist mir nicht gelungen. Das bedauere ich im Rückblick.
Befragte: Nein, glaube ich nicht. Ich glaube, dass immer wieder neue Probleme auftauchen. Also wenn ich mal überlege, was wir jetzt in den letzten Jahren über das menschliche Gehirn oder die Verdauungslandschaft gelernt haben. Ja, dass es erst jetzt ein Thema wird, dass das Mikrobiom genauso wichtig ist wie so ein zweites Gehirn über das Zusammenspiel. Ich glaube, dass es immer wieder spannende Dinge geben wird, die man erforschen kann. Wenn man überlegt, die Elementalteilchenentwicklung, wie man da immer weiter hineingeht, wenn man sich überlegt, was die Astrophysik oder die Astronomie für uns für neue Erkenntnisse bereitet. Also ich habe da null Sorgen, dass uns da der Stoff ausgehen könnte.
Befragte: Entweder Psychologie oder ich wäre vielleicht Lehrerin geworden. Das war auch immer ein großes, und das wollte ich dann auch unter keinen Umständen Kinder abfragen, ob sie zur Christenlehre gehen oder politisch Maßregeln, aber sonst wäre ich vielleicht Lehrerin geworden. Ich wäre in der alten Bundesrepublik nicht Naturwissenschaftlerin geworden. Das, glaube ich, kann man als sicher annehmen.
Befragte: Das ist für mich nicht so schwer. Ich finde, dass Gott die Welt, sagen wir mal, im übertragenen Sinn. Er hat es natürlich nicht, wie wir die Schöpfungsgeschichte uns jetzt vorstellen, aber wir haben eine Welt vorgefunden, in der es etwas gibt, was überhalb dieser Welt ist, was Sorge trägt, sage ich jetzt mal, für die Menschen in einer bestimmten Weise. Und ich finde es sehr, sehr beruhigend, dass man nicht immer nur unter Menschen zusammen ist und wir sind das Maß aller Dinge, sondern dass es ein Maß gibt, was oberhalb, also Transzendenz sozusagen erst oberhalb uns liegt. Und das gibt mir viel Ruhe, zu sagen, ich werde Fehler machen. Ich bin damit aber auch nicht vollkommen unmöglich. Ich kann reflektieren und ich glaube, dass das eine gute, ordnende Kraft sein kann.
Befragte: Ich glaube, dass ich meine Vorstellung über das ganze Leben aus einem vielleicht etwas abstrakten, aber aus einem Gott ziehe und dass ich es beruhigend finde, dass es so etwas gibt. Aber ich glaube, dass sich mein Glaube schon nochmal von dem meines Vaters unterscheidet, weil er hatte so eine Ur-Erfahrung im Krieg, die ihn dann auch zu dem Theologiestudium gebracht hat. Und deshalb kann ich jetzt das auch gar nicht genau vergleichen. Aber natürlich bin ich durch das Fachhaus geprägt. Das ist vollkommen klar.
Befragte: Das denke ich schon und das hoffe ich. Aber ich hoffe auch, dass wenn wir jetzt in eine Zeit hineinkommen, in der die Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs, zum Beispiel des Nationalsozialismus, nicht mehr uns persönlich begegnen, dass wir dann nicht vergessen, was stattgefunden hat. Und ich habe zum Beispiel, als ich Bundestagsabgeordnete im Wahlkreis dort in Stralsund und Rügen war, war Margot Friedländer als Überlebende des Holocaust mit Stralsundern Schülern zusammen. Und da haben hunderte Schüler murksmäuschenstill gesessen und haben einfach einen Menschen erlebt, der noch berichten konnte, was ihm Schreckliches widerfahren ist. Und das wird es ja in Zukunft dann nicht mehr geben eines Tages. Und das ist eine große Gefahr, dass wir leichtfertig werden und Freiheit als gegeben nehmen. Und da mich darum zu kümmern, das kann ich mir auch noch als eine Aufgabe für die nächsten Jahre vorstellen, dass ich da darauf hinwirke, dass man es eben nicht vergisst und immer weiß, wie viel schlechter das Leben sein könnte. Heute ist es manchmal so, dass man vielleicht etwas zu leichtfertig ist.
Befragte: Ich denke schon. Das kommt ja auch an seine Grenzen. Also ich meine, ich kann jetzt die... Ja, ich hoffe es. Ich glaube jedenfalls, dass diese sehr große Simplifizierung, alles in immer kürzeren und schrilleren Botschaften darzulegen, dass sie dem Leben ja nicht gerecht wird. Sie grenzt ja auch aus. Sie lässt so viel Vielfalt unter den Tisch fallen. Und ich denke, dass es immer Menschen gibt, denen das auffällt. Wir haben ja sowieso, ist die Gesellschaft viel rhythmisch schneller geworden, als sie es vor 100 Jahren war. Aber ich denke das oder hoffe eigentlich, dass es Menschen gibt, die doch dann darauf hinweisen, dass wir Gott sei Dank alle so unterschiedlich sind. Und es braucht die Leute, die alles klar aussprechen. Und es braucht die Leisen, die ihre Meinung leise vortragen. Und jeder muss zur Geltung kommen, sonst ist das keine Demokratie mehr.
Befragte: Na, sehen Sie? So bleibt es spannend.
Befragte: Ich glaube, denen gebe ich schon Raum. Aber Sie sind eben privat und deshalb nicht Teil des öffentlichen Lebens. Und ich vermute mal, dass Sie das gar nicht so viel anders halten. Jeder Mensch braucht seinen Raum wieder wie einen Schutzraum, damit er sich in dem auch ungestört entfalten kann. Und dieser Raum ist für mich die Basis, überhaupt so viel in der Öffentlichkeit auch aufgetreten zu sein. Und den schütze ich.
Befragte: Ich hoffe, dass ich das kann. Also Sie haben es richtig gesagt oder Sie haben es so gesagt, wie ich es auch empfunden habe. Als Bundeskanzlerin müssen Sie eigentlich im Grundsatz, ich hatte Freizeit, so ist das nicht, aber es konnte jeden Tag in der Freizeit, ich habe mich mit einer Freundin verabredet oder mit den Eltern oder der Familie, es konnte jederzeit etwas passieren, was Vorrang hatte. Und dann war jede Verabredung hinfällig. Es gab also das absolute Primat der politischen Ereignisse und das ist natürlich sehr anstrengend. Und gerade wenn eben zum Beispiel meine Eltern gestorben sind, dann war das zum Teil schon auch sehr, sehr hart, wenn dann auch noch versucht wird, die Beerdigung zu fotografieren und so weiter und eigentlich kein wenig Raum ist. Dass ich dann gezittert habe, hatte damit zu tun, sicherlich mit dieser Anspannung, aber eben auch, es hat stattgefunden zu einem Zeitpunkt, wo ich schon wusste, dass ich aufhören werde. Und der Körper hat schon so ein bisschen vorweggenommen, dass er wusste, du musst nicht mehr ewig durchhalten. Und das ist schon sehr interessant, dass der Kopf darüber dann keine Macht hat. Und das ist menschlich, aber für mich auch eine erstaunliche Beobachtung gewesen.
Befragte: Er könnte, aber es hat sich so eingespielt, dass ich meistens koche.
Befragte: Wir haben verschiedene Ideen gehabt und ich war sehr froh, dass Corinna Haarfuch es liest. Und ich lese Prolog und Epilog.
Befragte: Also ich wusste immer stehen, wusste nicht, wo richtig wohin mit den Händen und habe herausgefunden, dass das einfach eine sehr auf den Schwerpunkt konzentrierte Handhaltung ist. Und dann wurde das langsam thematisiert und so ein bisschen mein Markenzeichen. [...] Ja, es wurde vor allen Dingen als Riesenplakat. Hauptbahnhof verwendet und aus lauter Unterstützern war das zusammengesetzt. Das ist aber auch, das wäre aber komisch, wenn es immer so. Aus kleinen Fotos war es zusammengesetzt. Und ganz zum Schluss, als der Wahlkampf vorbei war, wurde dieses Plaste oder Kunststoffplakat, wurde dann mit den ganzen Fotografien, wurde dann zerschnitten und es wurden Fahrradtaschen draus genäht.
Befragte: Ja, aber hatte ich keine Lust.
Befragte: Ja, danke schön.
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