Angela Merkel trifft Hazel Brugger

Angela Merkel spricht über ihre Memoiren, die bewegten Zeiten ihrer Kanzlerschaft und ihre Gedanken zur Politik, DDR, Freiheit und Zukunft. Einblick in ihre persönliche Sicht auf prägende Ereignisse und Entscheidungen.

AI Transcribed Real Interview

Source Video

Angela Merkel spricht über ihre Memoiren, die bewegten Zeiten ihrer Kanzlerschaft und ihre Gedanken zur Politik, DDR, Freiheit und Zukunft. Einblick in ihre persönliche Sicht auf prägende Ereignisse und Entscheidungen.

Published November 26, 2024

Get Your Interview Transcribed

Upload your interview recording and get professional transcription with AI-generated insights.

Upload Your Interview

Category

Angela Merkel

Tags

Angela Merkel, Freiheit, Memoiren, Politik, Deutschland, DDR, Kanzlerin, Buch, Interview

Full Transcription

SPEAKER_00 00:00 - 00:11

Ich sitze hier mit Frau Dr. Angela Merkel, die ein oder anderen, hoffentlich alle, die schon Zugriff auf dieses Video haben, werden Sie kennen als Bundeskanzlerin von Deutschland.

SPEAKER_00 00:12 - 00:18

Sie sind jetzt nicht mehr im Kanzleramt, Frau Merkel, Sie haben ein wunderbares Buch geschrieben.

SPEAKER_00 00:18 - 00:22

Wieso haben Sie sich ausgerechnet jetzt dazu entschieden, Ihre Memoiren zu veröffentlichen?

SPEAKER_01 00:22 - 00:31

Ja, ich habe zusammen mit meiner langjährigen Beraterin Beate Baumann ein Buch geschrieben und das war ein Prozess in mehreren Stufen.

SPEAKER_01 00:32 - 00:38

Ganz am Anfang konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass ich mal ein Buch schreibe über meine Kanzlerzeit.

SPEAKER_01 00:38 - 00:49

Dann kam das Jahr 2015, 4. und 5. September und diese Entscheidung auch, dass Flüchtlinge nach Deutschland kommen konnten.

SPEAKER_01 00:49 - 00:52

Und das hat eine sehr große Kontroverse hervorgerufen.

SPEAKER_01 00:52 - 00:54

Das war der Satz, wir schaffen das?

SPEAKER_01 00:54 - 01:00

Wir schaffen das, war kurz vorher und darüber gab es sehr, sehr viele kontroverse Diskussionen.

SPEAKER_01 01:00 - 01:15

Und dann habe ich gedacht, dass ich auf jeden Fall über diese Phase einmal schreibe, denn das war schon so, dass ich den Wunsch hatte, über meine Motive nochmal zu reden und meine Dinge, wie ich dazu gekommen bin.

SPEAKER_01 01:15 - 01:22

Und dann kam die Corona-Zeit mit nochmal wirklichen Zumutungen.

SPEAKER_01 01:22 - 01:27

Ich habe das ja auch eine demokratische Zumutung genannt, eine einzige demokratische Zumutung.

SPEAKER_01 01:27 - 01:30

Und da wurde immer klarer, vielleicht doch ein Buch zu schreiben.

SPEAKER_01 01:31 - 01:41

Und dann, als ich aus dem Amt schied, da war ich entschieden, zusammen mit meiner langjährigen Beraterin eben, die auch so etwas wie Zeitzeugin ist, dieses Buch zu schreiben.

SPEAKER_01 01:41 - 01:45

Und als ich dann anfangen wollte, kam Putins Überfall auf die Ukraine.

SPEAKER_01 01:45 - 01:47

Das war erst einmal nochmal ein Schock.

SPEAKER_01 01:48 - 01:54

Und hat dann eine Weile gedauert, bis sich klar war, dass es kein Buch über die Ukraine sein soll.

SPEAKER_01 01:54 - 02:00

Obwohl es sicherlich das einschneidendste Ereignis auch im Blick auf die europäische Geschichte war.

SPEAKER_01 02:00 - 02:08

Und dann ist klar geworden, mir plötzlich, du hast ja 35 Jahre in der DDR gelebt.

SPEAKER_01 02:09 - 02:14

Und wenn das Buch jetzt erscheint, 35 Jahre in dem vereinten Deutschland.

SPEAKER_01 02:15 - 02:22

Und deshalb sind die zwei Teile, die ja im Grunde ein Leben sind, eigentlich das Band, das dieses Buch zusammenhält.

SPEAKER_00 02:22 - 02:25

Also da waren ja jetzt schon ganz viele Themen drin.

SPEAKER_00 02:25 - 02:34

Da war Putin, da war Flüchtlingskrise, Pandemie und jetzt auch noch 35 Jahre DDR so quasi so nachgeschoben.

SPEAKER_00 02:34 - 02:37

Noch so als Zusatzinfo, die ja unglaublich relevant ist.

SPEAKER_00 02:38 - 02:45

Nicht nur für Sie als Privatperson, sondern natürlich für Deutschland als politisches Konstrukt, wie es damals war, aber auch natürlich wie es heute ist.

SPEAKER_00 02:45 - 02:52

Ich habe mir beim Lesen schon gedacht, das sind ja so unfassbar viele Dinge, die Ihnen und auch der Welt passiert sind.

SPEAKER_00 02:53 - 03:00

Wie konnten Sie sich das alles merken und wie konnten Sie dieses Wissen dann wieder abrufen, als Sie es geschrieben haben?

SPEAKER_01 03:00 - 03:04

Ja, es ist ja interessant.

SPEAKER_01 03:04 - 03:13

Ich konnte jetzt zum ersten Mal, nachdem ich aus dem Kanzleramt ausgeschieden bin, doch nochmal in Ruhe über meine Zeit auch in der DDR nachdenken.

SPEAKER_01 03:13 - 03:17

Denn von 1990 an hatte ich immer neue Sachen zu erleben, zu lernen.

SPEAKER_01 03:19 - 03:26

Und diese Rückbesinnung auf das Leben in der DDR war für mich auch sehr spannend und war auch ein sehr interessanter Prozess.

SPEAKER_01 03:26 - 03:28

Also bin ich in diesen Teil wieder eingetaucht.

SPEAKER_01 03:29 - 03:32

Natürlich hat man da Familienerinnerungen, ich habe meine Geschwister auch zum Teil gefragt.

SPEAKER_01 03:32 - 03:48

Und dann, wenn man in die Zeit von mir als Politikerin hineinkommt, dann hatte ich zum Teil Erinnerungen, zum Teil meine Aufzeichnungen über Termine, aber nicht sehr viele Akten.

SPEAKER_01 03:48 - 03:51

Das heißt also, ich musste auch vieles nachschauen.

SPEAKER_01 03:51 - 03:54

Haben Sie sich dann selber mal gegoogelt, um so zu wissen, was ich...

SPEAKER_01 03:54 - 03:58

Ja, mich ganz googeln, das mache ich lieber nicht, das ist zu viel.

SPEAKER_01 03:58 - 04:02

Aber ich habe natürlich meine Reden im Deutschen Bundestag nachgeschaut.

SPEAKER_01 04:02 - 04:07

Ich hatte zum Teil noch auch Informationen über die Pressekonferenzen, die ich gegeben habe.

SPEAKER_01 04:07 - 04:10

Da konnte ich dann auch zurückgreifen auf die Protokolle.

SPEAKER_01 04:10 - 04:13

Und dann kommen langsam wieder die Erinnerungen.

SPEAKER_01 04:13 - 04:16

Aber ich schreibe ja auch kein Buch als Historikerin.

SPEAKER_01 04:17 - 04:23

Also ich habe jetzt nicht alle Akten mir angeschaut, also ich habe mir gar keine Akten angeschaut, sondern ich schreibe Erinnerungen.

SPEAKER_01 04:23 - 04:32

Und Erinnerungen sollen so möglichst geschrieben sein, dass auch jemand, der jetzt nicht Historiker oder Historikerin ist, vielleicht Lust verspürt, da mal reinzuschauen.

SPEAKER_00 04:32 - 04:39

Ich denke nämlich auch, es ist ein Buch, was nicht nur für Leute mit einem großen Politikinteresse spannend ist.

SPEAKER_00 04:39 - 04:45

Und was ich an dem Buch sehr geschätzt habe, ist, dass Sie erstens ein paar Sachen klarstellen.

SPEAKER_00 04:45 - 04:54

Also Sie sagen dann auch bei ein paar ganz konkreten Stellen, zum Beispiel werden Sie einmal, ich glaube im Rahmen des G20-Gipfels, werden Sie gefragt, ob Sie sich als Feministin sehen.

SPEAKER_00 04:54 - 05:01

Und dann sprechen Sie so über diese innere Zerrissenheit, die Sie im Nachhinein fühlen, weil Sie nicht einfach Ja gesagt haben.

SPEAKER_00 05:01 - 05:10

Und das, also das rechne ich Ihnen hoch an, dass Sie mal aus diesem Politikersprech rauskommen und halt wirklich einfach mal sagen, das war halt nicht ideal, so wie ich es gemacht habe.

SPEAKER_00 05:11 - 05:15

Aber jetzt, ein paar Jahre später, mit der nötigen Ruhe kann ich es klarstellen.

SPEAKER_00 05:15 - 05:24

Denken Sie, die Tatsache, dass Sie sich nicht winden in diesem Buch, ist das, weil Literatur als Medium halt mehr Ruhe mit sich bringt?

SPEAKER_00 05:24 - 05:29

Ist es, weil Sie jetzt als Altkanzlerin sowieso nicht mehr so viel zu verlieren haben?

SPEAKER_01 05:30 - 05:38

Ja, ich hatte mir vorgenommen, dass ich doch manche Restriktionen, die ich mir selbst auferlegt habe, jetzt fallen lassen kann.

SPEAKER_01 05:38 - 05:45

Ich bin nicht mehr im Amt, ich kann über bestimmte Ereignisse unbefangener sprechen, natürlich immer noch verantwortlich.

SPEAKER_01 05:45 - 05:50

Da gibt es ja auch eine nachlaufende Verantwortung, aber auf jeden Fall unbefangener.

SPEAKER_01 05:50 - 05:57

Und ich hatte mir auch vorgenommen, wenn ich so ein Buch schon schreibe, dann soll es auch wenigstens einigermaßen ehrlich sein.

SPEAKER_01 05:58 - 06:03

Also die Motive, die Haltungen, die Erfahrungen präsentieren, die ich gesammelt habe.

SPEAKER_01 06:03 - 06:06

Und ein kleiner Blick hinter die Kulissen.

SPEAKER_01 06:06 - 06:10

Ich schreibe ja auch im Prolog oder wir schreiben im Prolog, Politik ist kein Hexenberg.

SPEAKER_01 06:11 - 06:15

Sie wird im Grunde von Menschen gemacht, wie alles, was um uns herum passiert.

SPEAKER_01 06:15 - 06:21

Und diese Menschen in der Politik sind nicht anders als Menschen in anderen Bereichen des Lebens.

SPEAKER_01 06:21 - 06:23

Könnten Sie sich denn vorstellen, nochmal ein Buch zu schreiben?

SPEAKER_01 06:24 - 06:25

Im Augenblick nicht.

SPEAKER_01 06:25 - 06:33

Das war eine sehr, sehr große Arbeit, denn es musste ja auch so viel ausgewählt werden, also weggelassen werden.

SPEAKER_01 06:33 - 06:34

Und was nehme ich?

SPEAKER_01 06:35 - 06:41

Der Teil 35 Jahre DDR war schon aufregend, sagen wir mal.

SPEAKER_01 06:41 - 06:47

Und dann nochmal 35 Jahre davon, 16 Jahre Kanzlerschaft, in denen jeden Tag sehr, sehr viel passiert.

SPEAKER_01 06:47 - 06:48

Ja, es ist wirklich so.

SPEAKER_01 06:48 - 06:54

Und sich dann zu entscheiden auf 700 Seiten, was davon wählst du aus?

SPEAKER_01 06:54 - 06:56

Und wie packst du das zusammen?

SPEAKER_01 06:56 - 07:01

Das war für uns schon eine große Arbeit und ich hätte es auch alleine nicht gekonnt.

SPEAKER_01 07:01 - 07:03

Das war schon, dass wir es zusammen gemacht haben, sehr, sehr hilfreich.

SPEAKER_01 07:04 - 07:08

Und da ist jetzt erst mal mein Bedarf gesättet.

SPEAKER_01 07:08 - 07:10

Ich habe noch nie so viele Seiten geschrieben.

SPEAKER_01 07:10 - 07:13

Das beruhigt mich, weil wenn Sie das jetzt nebenher auch noch gemacht hätten.

SPEAKER_01 07:13 - 07:18

Nein, nein, nein, das war richtig Arbeit und auch, ich habe mich zum Teil richtig zurückgezogen.

SPEAKER_01 07:18 - 07:29

Ich bin sonst eigentlich ein sehr geselliger Mensch und habe stramm mich nur in dieser Gedankenwelt aufgehalten, um das dann auch, dass wir das auch niederschreiben konnten.

SPEAKER_00 07:29 - 07:36

Sie haben es gerade schon gesagt, 700 Seiten, da 70 Jahre eines sehr bewegten, sehr intensiven Lebens reinzupacken.

SPEAKER_00 07:36 - 07:44

Wenn Sie jetzt auf Lesereise gehen würden mit dem Buch und sich für eine einstündige Passage entscheiden müssten, welche würden Sie lesen?

SPEAKER_01 07:44 - 07:48

Ich glaube, dass ich möchte auf Lesereise gehen.

SPEAKER_00 07:48 - 07:50

Ach, brauchen Sie noch jemanden, der Sie anmoderiert? Da komme ich sehr gerne.

SPEAKER_01 07:50 - 08:01

Naja, ob das Ihnen dann ausreicht und nicht ein bisschen langweilig wird, wenn ich dann die restlichen 55 Minuten bestreite und Sie es nur am Anfang und zum Schluss noch mal zum Aruviderci sagen.

SPEAKER_01 08:01 - 08:06

Also ich möchte eine Lesereise machen und auch wirklich dann nur lesen.

SPEAKER_01 08:07 - 08:12

Aber ich habe jetzt, wenn ich darüber nachdenke, schon mal überlegt, dass es wohl überall etwas anderes sein wird.

SPEAKER_01 08:12 - 08:23

Das Buch ist ja sehr vielfältig und mein erster Aufenthalt mit der eigenständigen Lesereise, wo ich also nicht interviewt werde, das wird in Stralsund sein.

SPEAKER_01 08:23 - 08:29

Da bin ich in meinem Wahlkreis und da werde ich natürlich etwas anderes lesen, als wenn ich jetzt in Frankfurt, Köln oder Zürich und Wien bin.

SPEAKER_01 08:30 - 08:32

Und insofern muss ich mir das noch überlegen.

SPEAKER_01 08:32 - 08:57

Aber ich persönlich mag sehr gerne, das wird aber vielleicht gar nicht so öffentliches Interesse finden, den Abschnitt, wo ich auf die Welt schaue, auf meinen Globus, auf dem Schreibtisch und dann mir so vorstelle, wie ist das mit den verschiedenen Ländern, was weiß ich über diese Länder und auch darüber spreche, was ist der Unterschied zwischen einem Globus und einer Landkarte.

SPEAKER_01 08:57 - 09:06

Ein Globus, da ist jedes Land gleich weit vom Mittelpunkt entfernt. Auf einer Landkarte liegen manche Länder außen und manche im Zentrum.

SPEAKER_01 09:07 - 09:10

Und ich war so frappiert, als ich dann von dem Australier gehört habe.

SPEAKER_00 09:10 - 09:12

Genau, wo der Nullmeridiane jetzt woanders ist.

SPEAKER_01 09:12 - 09:22

Der durch Canberra legt und die Karte nochmal von Nord nach Süd dreht und plötzlich ist Australien in der Mitte der Welt und wir in Europa liegen am Rand, obwohl wir gewöhnt sind, dass wir immer im Zentrum liegen.

SPEAKER_01 09:23 - 09:24

Und das fand ich unglaublich spannend.

SPEAKER_00 09:24 - 09:29

Ja, was so winzige Änderungen für eine große symbolische Kraft mit sich ziehen.

SPEAKER_01 09:29 - 09:36

Ja, und wie wir auch aufwachsen. Wir denken in Europa oder in Deutschland, dass wir schon ziemlich im Zentrum der Welt sind.

SPEAKER_01 09:37 - 09:51

Und das erste Mal bin ich aufgeschreckt, als zu 50 Jahren römische Verträge der Papst eine Rede gehalten hat in Rom und Europa als die Halbinsel vor der asiatischen Landmasse bezeichnete.

SPEAKER_01 09:51 - 10:00

Dann dachte ich, oh, wenn man sich die Landkarte anguckt, wir sind da wirklich der Peak hinter China und Russland und dann sind wir eben eine Halbinsel.

SPEAKER_00 10:01 - 10:09

Also Ihr Lebenszentrum wurde ja auch immer größer oder Ihr Horizont wurde weiter allein schon dadurch, dass Sie in der Diktatur aufgewachsen sind.

SPEAKER_00 10:09 - 10:11

Also Sie kommen aus der DDR.

SPEAKER_00 10:11 - 10:18

Haben Sie sich manchmal gefragt, was würden Sie heute machen, wenn die DDR noch bestünde?

SPEAKER_00 10:18 - 10:19

Also ehrlich gesagt nicht.

SPEAKER_01 10:19 - 10:20

Nee?

SPEAKER_01 10:20 - 10:21

Ich war dann froh.

SPEAKER_01 10:21 - 10:21

Bringt ja auch nichts.

SPEAKER_01 10:21 - 10:31

Ich war dann froh, dass sich dieses völlig unerwartete Fenster geöffnet hat oder besser gesagt die Tür geöffnet hat.

SPEAKER_01 10:32 - 10:35

Und darüber habe ich nicht, ehrlich gesagt, nachgedacht.

SPEAKER_01 10:35 - 10:42

Ich hatte immer in der DDR darüber nachgedacht, dass für Frauen das Rentenalter schon mit 60 beginnt und dass ich dann reisen kann.

SPEAKER_01 10:43 - 10:56

Aber mir schien die Zeit dann zwischen dem 35. Lebensjahr oder sagen wir mal dem 34., als ich noch nicht wusste, dass die Mauer geöffnet wird, und dem 60. schon noch ziemlich lang, also ich weiß nicht ganz genau, was aus mir geworden wäre.

SPEAKER_00 10:56 - 10:59

Ja, Sie sind auf jeden Fall eine sehr fleißige Person und auch sehr pflichtbewusst.

SPEAKER_00 11:00 - 11:03

Das kommt in dem Buch auf eine nicht unangenehme Art und Weise raus.

SPEAKER_00 11:03 - 11:08

Also Sie wirken jetzt nicht wie so eine Streberin, die irgendwie allen reindrückt, wie fleißig sie ist.

SPEAKER_00 11:08 - 11:09

Gott sei Dank.

SPEAKER_00 11:09 - 11:12

Ich weiß ja nicht, ob Sie dann immer so gemacht haben beim Schreiben.

SPEAKER_00 11:13 - 11:21

Aber man merkt auf jeden Fall, dass Sie so einen sehr gesunden und auch intrinsisch motivierten Wissensdrang haben.

SPEAKER_00 11:22 - 11:29

In der DDR war das ja nicht unbedingt von Vorteil, wenn man immer über den Tellerrand hinaus schauen wollte.

SPEAKER_00 11:29 - 11:32

Ich sehe Sie oft in sehr bunten Anzügen.

SPEAKER_00 11:32 - 11:39

Also Sie sind ja bekannt dafür, so ein bisschen Farbenfrohheiten, diese sehr graue, anthrazit-schwarze manchmal Männerwelt zu bringen.

SPEAKER_00 11:39 - 11:46

Denken Sie, dass Sie so bunt sind heute, weil Sie halt in der DDR gezwungen wurden, eher farblos aufzutreten?

SPEAKER_00 11:46 - 11:47

Ja, das weiß ich nicht.

SPEAKER_01 11:47 - 12:01

Ich schreibe ja an einer Stelle in dem Buch, dass es vielleicht so ist, dass diese Tristesse auch der DDR-Farben, auch die Geschmacklosigkeit an Materialien, dass das mich vielleicht dazu gebracht hat, jetzt in die Vollen zu greifen.

SPEAKER_01 12:01 - 12:11

Aber es ist sicherlich vielleicht auch eine Antwort gewesen, wie kann ich mich als Frau in der Männerwelt ein bisschen unterscheiden.

SPEAKER_01 12:11 - 12:28

Und trotzdem hatte ich ja sozusagen eine sehr konsistente Kleidung, weil ich immer dachte, dass Menschen, wenn sie erst mal die ganze Zeit mit meiner Kleidung beschäftigt sind, nicht mehr so richtig zuhören, was ich an politischer Botschaft habe.

SPEAKER_01 12:28 - 12:42

Und heute sind ja die Nachrichtenschnipsel oft sehr kurz. Das heißt, auf der einen Seite hatte ich Hose, Bläser, so, und dann war nur noch die Frage Farbe. Und ansonsten wusste der Mensch, der den Fernseher einschaltete, was er an mir hatte.

SPEAKER_00 12:42 - 12:49

Ja, es gab ja sogar in Oslo mal 2008 diesen Moment, wo sie dann mit einem Dekolleté bei der Oper auftraten.

SPEAKER_00 12:49 - 12:56

Und danach war Deutschland entsetzt. Also sie waren nämlich schon drei Jahre im Amt und alle so, was, das ist eine Frau, die uns regiert?

SPEAKER_01 12:56 - 13:15

Ja, naja, aber das ist eben ein Beispiel dafür, dass es ganz schnell gehen kann, dass jemand oder das Ich oder Personen wahrgenommen werden, dann nur noch über das Äußere. Und das wollte ich eigentlich vermeiden. Bei der Oper in Oslo hatte ich nicht vorausgesehen, wie dramatisch die Reaktion ausfallen würde.

SPEAKER_00 13:15 - 13:23

Also ich finde, es ist noch eine fast schon philosophische Frage, was das über den feministischen Zustand in Deutschland, zumindest im Jahr 2008, aussagt.

SPEAKER_00 13:23 - 13:24

Nein, nichts Gutes.

SPEAKER_00 13:24 - 13:27

Nein, ich glaube, im Zweifel eigentlich nichts Gutes.

SPEAKER_01 13:27 - 13:35

Aber ich sehe mit Wohlgefallen, dass heute jüngere Politiker doch eine größere Bandbreite schon wieder an Kleidung tragen können.

SPEAKER_01 13:35 - 13:39

Und das finde ich auch wunderbar. Und es gibt auch jetzt ja immer mehr Politikerinnen.

SPEAKER_01 13:39 - 13:43

Und da soll dann jeder auch seinen Stil oder jede ihren Stil finden.

SPEAKER_00 13:44 - 14:01

Am Ende der Passage, wo Sie Bedauern ausdrücken darüber, dass Sie so zögerlich auf die Frage, ob Sie Feministin sind, geantwortet haben. Da sagen Sie dann, eigentlich hätten Sie gerne geantwortet auf die Frage, ob Sie Feministin sind. Ja, auf meine Weise. Was bedeutet das?

SPEAKER_01 14:01 - 14:04

Ja, ich habe das ja vorher in dem Buch auch dargestellt.

SPEAKER_01 14:04 - 14:14

Also für mich ist Feminismus nicht verbunden damit, dass Männer völlig ausgegrenzt werden oder dass man sich in seiner Totalkonfrontation befindet.

SPEAKER_01 14:14 - 14:20

Aber ich habe schon in meinem Leben auch erleben müssen, dass es kein Vorteil ist, Frau zu sein in der Politik.

SPEAKER_01 14:21 - 14:34

Das war bei der Wahl 2005 ganz klar, dass selbst viele Frauen nicht getraut haben, ob eine Frau das nun wirklich kann im Vergleich damals zu Gerhard Schröder.

SPEAKER_01 14:34 - 14:50

Und auch ansonsten ist es einfach so, dass meine Illusion, als ich jetzt in die Freiheiten aus der Diktatur der DDR kam, dass, wenn alle Personen gleichberechtigt sind, dass sich das von alleine ergibt.

SPEAKER_01 14:50 - 14:53

Die hat sich natürlich als große Fehleinschätzung herausgestellt.

SPEAKER_01 14:53 - 14:55

Und das habe ich im Laufe meines Lebens gelernt.

SPEAKER_01 14:55 - 14:58

Und deshalb bin ich in der Hinsicht auch immer feministischer geworden.

SPEAKER_00 14:59 - 15:08

Ich meine, man muss sich mal vor Augen rufen, dass Sie ja nicht nur in der Politik immer schon von Männern umgeben waren, sondern auch in Ihrer Karriere als Wissenschaftlerin.

SPEAKER_01 15:08 - 15:12

Genau. Ich war in einer Arbeitsgruppe, da waren vielleicht zehn oder zwölf.

SPEAKER_01 15:12 - 15:14

Und da war ich die einzige Wissenschaftlerin.

SPEAKER_01 15:14 - 15:16

Und dann gab es noch eine Sekretärin.

SPEAKER_01 15:16 - 15:19

Und an dem Institut gab es schon noch mehr Frauen.

SPEAKER_01 15:19 - 15:24

Und ich war unter 70 Studenten, waren wir ungefähr sieben Studentinnen.

SPEAKER_01 15:25 - 15:26

Also ganz so dramatisch war es nicht.

SPEAKER_01 15:26 - 15:29

Aber ich war den Umgang mit Männern gewöhnt.

SPEAKER_01 15:29 - 15:35

Und insofern war das jetzt auch in der Politik für mich nichts Neues.

SPEAKER_00 15:35 - 15:41

Sie haben auch Ihre Eltern immer sehr lobend erwähnt, dass sie ihnen so einen Schutzraum geboten haben in der DDR.

SPEAKER_00 15:41 - 15:48

Würden Sie sagen, dass Sie es geschafft haben, für andere Frauen in der deutschen Politik so einen Schutzraum zu bieten?

SPEAKER_01 15:50 - 16:01

Ich glaube, so einen Schutzraum wie meine Eltern, insbesondere meine Mutter für mich gewesen ist, dass sie mich hat laufen lassen, aber dann auch immer bewahrt hat, wieder mit dem Staat in Konflikt zu geraten.

SPEAKER_01 16:01 - 16:03

Einen solchen Schutzraum braucht man heute nicht.

SPEAKER_01 16:03 - 16:07

Aber ich glaube, dass ich ein gewisses Rollenmodell vielleicht gewesen bin.

SPEAKER_01 16:08 - 16:15

Also dass Frauen sich was zugetraut haben, dass Mädchen aufgewachsen sind 16 Jahre lang mit mir als Kanzlerin.

SPEAKER_01 16:15 - 16:19

Dass es also etwas sehr Normales geworden ist.

SPEAKER_01 16:19 - 16:23

Und das ist für mich eine Freude.

SPEAKER_00 16:23 - 16:31

Sie sind ja wirklich, also wahrscheinlich ist es immer so, egal wem Sie begegnen, für das Gegenüber ist es immer die krasseste Begegnung.

SPEAKER_00 16:31 - 16:32

Fällt Ihnen das auf?

SPEAKER_00 16:32 - 16:32

Nein.

SPEAKER_00 16:33 - 16:39

Die Leute hier, wir sind, ich weiß nicht, in diesem Studio oder wo wir drehen, es sind, glaube ich, 15 Leute hier.

SPEAKER_00 16:39 - 16:43

Ich habe noch nie 15 so aufgeregte Leute gesehen, wie wir vor Sie gekommen sind.

SPEAKER_00 16:44 - 16:49

Wie schaffen Sie das trotzdem noch so eine Volksnähe und so eine Augenhöhe zu kreieren?

SPEAKER_01 16:52 - 16:55

Ich habe mich immer bemüht, ein bodenständiger Mensch zu bleiben.

SPEAKER_01 16:55 - 17:01

Ich weiß genau, dass es das Allerwichtigste ist, als ich Kanzlerin war.

SPEAKER_01 17:03 - 17:09

Und ich wollte immer vermeiden, dass sich überhaupt nicht keiner mehr traut, mir irgendwas zu sagen.

SPEAKER_01 17:09 - 17:13

Weil das weiß ich ja aus dem eigenen Leben, dass das nicht gut gehen kann.

SPEAKER_01 17:14 - 17:17

Gleichzeitig habe ich mich auch immer gesehnt danach.

SPEAKER_01 17:17 - 17:20

Ich glaube, ich bin ländlich bodenständig aufgewachsen.

SPEAKER_01 17:20 - 17:24

Und da weiß ich ja, wie Menschen ticken.

SPEAKER_01 17:24 - 17:30

Und wenn das dann alles gekünstelt ist irgendwie und man den Eindruck hat, die Leute gehen aus der Tür und fangen dann an zu tuscheln.

SPEAKER_01 17:30 - 17:31

Das wollte ich nicht.

SPEAKER_01 17:31 - 17:32

Und da war ich immer ein bisschen auf dem Kivis.

SPEAKER_01 17:32 - 17:37

Also es gab oft bei Ihnen dann Buletten mit Würstchen und Kartoffelsalat?

SPEAKER_01 17:37 - 17:40

Ja, das ist ja nun nicht der einzige Ausdruck von Bodenständigkeit.

SPEAKER_01 17:41 - 17:46

Aber ich habe deutsche Hausmannskost, mag ich halt gerne.

SPEAKER_01 17:47 - 17:53

Aber man kann auch sehr bodenständig sein und nicht unbedingt immer Würstchen verlangen.

SPEAKER_01 17:53 - 17:54

Was ist für Sie Luxus?

SPEAKER_01 17:54 - 18:08

Zeit haben, interessante Menschen kennenlernen und schöne Städte oder interessante Städte kennenlernen.

SPEAKER_01 18:08 - 18:11

Aber vor allen Dingen immer wieder neue Menschen kennenlernen und Zeit haben.

SPEAKER_01 18:12 - 18:16

Das war oft nicht der Fall in meinem sehr getakteten Leben als Bundeskanzlerin.

SPEAKER_01 18:17 - 18:21

Und dieses jetzt nicht immer auf die Minute schauen zu müssen, das genieße ich jetzt sehr.

SPEAKER_01 18:21 - 18:25

Aber ein gutes Essen ist für mich auch durchaus Luxus.

SPEAKER_01 18:25 - 18:27

Okay, ja, das können Sie kochen?

SPEAKER_01 18:27 - 18:28

Ja, ich koche gerne.

SPEAKER_01 18:28 - 18:32

Ich habe auch versucht, schreibe ich ja auch eigentlich jeden Sonnabend zu kochen.

SPEAKER_01 18:32 - 18:36

Ich bin sehr häufig sonnabends dann zu Hause geblieben.

SPEAKER_01 18:36 - 18:41

Man kann oder ich hätte jeden Sonnabend irgendeine Einladung wahrnehmen können.

SPEAKER_01 18:41 - 18:44

Aber ich wollte dann einfach auch mal rauskommen aus diesem Rhythmus.

SPEAKER_01 18:45 - 18:50

Ich wollte auch ab und zu noch mal was lesen, was in den Kopf kriegen, damit man nicht immer nur spricht, spricht, spricht.

SPEAKER_01 18:51 - 18:53

Und dann habe ich, kochen war für mich Entspannung.

SPEAKER_00 18:53 - 18:57

Ja, also weil im Buch schreiben Sie jetzt nicht, ob es geschmeckt hat oder nicht.

SPEAKER_00 18:57 - 19:00

Das ist ja nur so eine Geschmacksfrage, wie man weiß, ob es schmeckt oder nicht.

SPEAKER_01 19:01 - 19:02

Mein Mann hat es geschmeckt.

SPEAKER_00 19:02 - 19:03

Das reicht.

SPEAKER_01 19:03 - 19:08

Und ich schreibe, ich habe an anderer Stelle gesagt, Pflaumenkuchen, Backenkartoffelsuppe, das waren so.

SPEAKER_01 19:08 - 19:13

Aber Rouladen, es gibt verschiedene Sachen, über die ich schon mal gesprochen habe in der Vergangenheit.

SPEAKER_01 19:14 - 19:16

Nein, mein Mann schmeckt es, mir schmeckt es.

SPEAKER_01 19:16 - 19:20

Und wenn Gäste da sind, habe ich auch selten Tadel bekommen.

SPEAKER_00 19:20 - 19:21

Ist noch keine Ausgestaltung gegangen.

SPEAKER_00 19:22 - 19:24

Haben Sie ein Guilty Pleasure?

SPEAKER_00 19:24 - 19:29

Das ist so, wenn man was gerne mag, wofür man sich aber eigentlich schämt.

SPEAKER_00 19:29 - 19:33

Also bei vielen Intellektuellen ist das zum Beispiel, dass sie dann so Trash-TV schauen.

SPEAKER_01 19:35 - 19:39

Naja, ich schaue sehr gerne Fußball als Entspannung, muss ich sagen.

SPEAKER_01 19:40 - 19:42

Ich schaue dann manchmal auch Fernsehserien.

SPEAKER_01 19:42 - 19:43

Ich erzähle jetzt mal nicht welche.

SPEAKER_01 19:43 - 19:53

Als ich zum Beispiel geschrieben habe, wo man dann echt was braucht, was einen völlig ablenkt, vorzugsweise auch Serien so über Krankenhäuser, Ärzte, Medizin.

SPEAKER_00 19:53 - 19:54

Ah, wirklich?

SPEAKER_00 19:54 - 19:55

Ach, ich verstehe.

SPEAKER_01 19:55 - 19:55

Okay.

SPEAKER_01 19:56 - 20:00

Und das hat mich dann einfach mal abgelenkt.

SPEAKER_00 20:01 - 20:14

Und ja, das ist, ich finde das auch immer beeindruckend, wie die dann gar kein fachliches Wissen haben, haben natürlich die Schauspieler, aber diese ganzen Begriffe einfach so rausdonnern, dass man denkt, von denen würde ich mich auch operieren lassen.

SPEAKER_01 20:14 - 20:19

Ja, das, ja, schon hört sich oft sehr kenntnisreich an, ja.

SPEAKER_00 20:20 - 20:22

Aber wahrscheinlich nur für die Nicht-Mediziner.

SPEAKER_00 20:22 - 20:24

Ja, die Mediziner, die haben natürlich da keinen Bock drauf.

SPEAKER_00 20:25 - 20:27

Die schauen sich dann ein Polit-Drama an, um runterzukommen.

SPEAKER_00 20:28 - 20:29

Also das Lesen ist schon ein Akt.

SPEAKER_00 20:29 - 20:31

Ich finde, es liest sich leicht.

SPEAKER_00 20:31 - 20:32

Es ist zwar ein schweres Buch.

SPEAKER_00 20:32 - 20:40

Es ist übrigens, ich weiß nicht, ob Sie das wissen, es ist das zweite Buch mit dem Titel Freiheit und 736 Seiten, das ich gelesen habe.

SPEAKER_00 20:40 - 20:43

Jonathan Franzen hat auch mit genau gleich vielen Seiten.

SPEAKER_01 20:43 - 20:43

Ach so?

SPEAKER_01 20:44 - 20:44

Ja.

SPEAKER_01 20:44 - 20:44

Das wusste ich nicht.

SPEAKER_01 20:45 - 20:47

Ich wusste nur, dass Franzen auch das hat.

SPEAKER_01 20:47 - 20:48

Ich habe das Buch noch nicht gelesen.

SPEAKER_01 20:48 - 20:53

Ich habe es dann geschenkt bekommen von einem Freund, als ich ihm erzählt habe, wie der Titel heißt.

SPEAKER_01 20:54 - 20:56

Aber, aber dass es genauso viele Seiten hat, das wusste ich nicht.

SPEAKER_00 20:56 - 21:02

Wenn Sie jede Geschichte erzählen könnten oder hätten erzählen können, für welche hätten Sie sich entschieden?

SPEAKER_00 21:03 - 21:12

Also wenn Sie jetzt nicht, ich meine, niemand erwartet ja, Angela Merkel veröffentlicht ein Buch und das ist jetzt ein belletristisches Werk, ein Fantasy-Roman.

SPEAKER_00 21:12 - 21:14

Also ich bin keine Schriftstellerin.

SPEAKER_00 21:15 - 21:30

Aber wäre die Geschichte von Ihnen, die natürlich toll ist und extrem zwischen den Zeilen auch sehr, sehr viel philosophischen Raum einem eigentlich gibt als Leserin, wäre das die einzige Geschichte gewesen, die für Sie in Frage gekommen wäre zu erzählen?

SPEAKER_01 21:31 - 21:31

Ja.

SPEAKER_01 21:31 - 21:33

Ach, Sie meinen, ob ich noch über was ganz anderes erzählt hätte?

SPEAKER_00 21:33 - 21:37

Genau, also wenn Sie jetzt einfach, nein, nein, nein, nein, nein, geh mir weg.

SPEAKER_00 21:38 - 21:42

Nein, nein, nein, nein, ich bin Politikerin und nicht zur Schriftstellerin geboren.

SPEAKER_00 21:42 - 21:50

Genau, Sie sind Politikerin, das heißt, das Interview muss natürlich auch an gewissen Stellen ein bisschen politisch werden und auch mal kritisch.

SPEAKER_00 21:50 - 21:57

Also ich will mich ja nachher auch nicht dem Vorwurf aussetzen müssen, ich hätte nicht da noch die ein oder andere nachhakende Frage gestellt.

SPEAKER_00 21:57 - 22:08

Natürlich machen wir hier Werbung für Ihr Buch und Sie sind auch nicht mehr aktive Politikerin und haben wahrscheinlich schon immer noch viel Einfluss, auch auf das politische Weltgeschehen.

SPEAKER_00 22:08 - 22:08

Glaube ich nicht.

SPEAKER_00 22:09 - 22:09

Ich glaube schon.

SPEAKER_00 22:10 - 22:18

Also ich glaube, Sie könnten schon, wenn Sie jetzt hier mit einer roten Mütze, mit einem weißen Spruch drauf sitzen würden, würde das schon ein Signal senden, das mir nicht so gefallen würde.

SPEAKER_00 22:18 - 22:34

Aber ich habe eine kleine Sprachspielerei für Sie als Autorin dabei und zwar, das weiß ich nicht, ob Sie das schon wussten, Angela Merkel ist ein Anagramm, also wenn man die Buchstaben vertauscht und neu anordnet, heißt es lange Reklame.

SPEAKER_00 22:35 - 22:36

Wussten Sie das?

SPEAKER_01 22:36 - 22:44

Sie können ja aus diesem Scrabble von der Süddeutschen Zeitung stammen, wo man immer Stimmt, genau, ja.

SPEAKER_01 22:44 - 22:46

Was Sie jetzt, nein, das wusste ich nicht.

SPEAKER_00 22:46 - 22:49

Wenn wir das rausschneiden, dann kann ich es noch veröffentlichen, aber jetzt, das wusste ich nicht.

SPEAKER_00 22:50 - 22:55

Und Ihr Geburtsname, Angela Kastner, ist ein Anagramm von klare Ansagen.

SPEAKER_00 22:56 - 22:56

Oh.

SPEAKER_00 22:56 - 22:58

Also da haben wir uns von weg.

SPEAKER_00 22:58 - 22:58

Das ist bewegt.

SPEAKER_00 22:58 - 23:01

Das ist ja sehr, sehr interessant, ja.

SPEAKER_00 23:02 - 23:11

Politisches Geschick und Talent sind nur ein ganz, ganz kleiner Bestandteil von dem, was am Ende zu einer wichtigen und auch guten politischen Karriere führt.

SPEAKER_00 23:11 - 23:21

Ich würde sagen, wichtig ist auch noch Charisma, rhetorische Fähigkeiten, ein gutes Gedächtnis, die Fähigkeit mit wenig Schlaf trotzdem noch auf einem hohen Level operieren zu können.

SPEAKER_00 23:21 - 23:25

Dann auch die Frage, ob man fotogen ist, während man in eine Bratwurst beißt.

SPEAKER_00 23:25 - 23:29

Also es ist wirklich so ein ganzer Haufen an Sachen, die man können muss.

SPEAKER_00 23:29 - 23:34

Was würden Sie sagen, sind Ihre Top 5 Fähigkeiten, die Sie zur Bundeskanzlerin gemacht haben?

SPEAKER_01 23:35 - 23:40

Ja, ich glaube, die Wichtigste haben Sie jetzt noch gar nicht genannt, das ist irgendwie neugierig auf Menschen zu sein.

SPEAKER_01 23:40 - 23:43

Ich bin ja sehr, sehr vielen Menschen begegnet.

SPEAKER_01 23:44 - 23:46

Viele konnten mit mir gar nicht weiter sprechen.

SPEAKER_01 23:46 - 23:59

Aber ich bin in einen Saal gegangen, wenn ich eine Rede gehalten habe und konnte sehr schnell erfassen oder erfühlen, was ist da für eine Stimmung und wie kann man vielleicht auch die Menschen öffnen.

SPEAKER_01 23:59 - 24:01

Können sie dir folgen, können sie nicht folgen?

SPEAKER_01 24:01 - 24:06

Und wenn man sich für andere Menschen nicht interessiert, dann ist das, glaube ich, ein sehr großes Manko.

SPEAKER_01 24:06 - 24:28

Zweitens muss man sehr schnell umschalten können, also von Innenpolitik auf Außenpolitik, von Afrika auf Steuerreformen hier oder Fraktionssitzungen eben, dann wieder ein Telefongespräch mit einem internationalen Kollegen und sehr viele Themen im Kopf haben.

SPEAKER_01 24:29 - 24:36

Ich habe davon profitiert, dass ich, glaube ich, recht gut damit umgehen kann, den Verlauf eines Tages nicht voll zu kennen.

SPEAKER_01 24:36 - 24:45

In der Politik kann es sein, sie stehen auf, ist alles ruhig und dann passiert etwas Schreckliches oder etwas sehr Schönes und der gesamte Tag verändert sich und damit auch die nächsten Tage.

SPEAKER_01 24:45 - 24:47

Damit muss man umgehen können.

SPEAKER_01 24:47 - 24:57

Und dann haben sie ja das genannt, eine gewisse Fähigkeit, auch mal unregelmäßige Tagesabläufe oder mal kurze Nächte zu verkraften.

SPEAKER_01 24:58 - 25:01

Man muss Reiseresistenz sein, glaube ich.

SPEAKER_01 25:01 - 25:03

Also es darf einem nicht so viel ausmachen.

SPEAKER_01 25:03 - 25:09

Gerade Hubschrauberflüge sind zum Teil sehr anstrengend, weil es einfach sehr laut ist.

SPEAKER_00 25:09 - 25:12

Ab dem wievielten Hubschrauberflug ist es nicht mehr aufregend?

SPEAKER_00 25:12 - 25:15

Weil ich denke, so die ersten zwei denkt man sich schon so, boah, ist das cool.

SPEAKER_00 25:15 - 25:17

Ja, naja, cool.

SPEAKER_01 25:17 - 25:37

Es ist sehr schnell, es ist doch auch anstrengend, muss man einfach sagen, weil die, wie gesagt, die Lautstärke und die Windabhängigkeit, also wenn es ein bisschen windig ist, dann schaukelt es ganz schön und das muss man abstrahieren können und nicht so daran denken.

SPEAKER_00 25:37 - 25:42

Ja, ich kenne es ein bisschen von meinem Berufsalltag als tourende Comedian.

SPEAKER_00 25:42 - 25:45

Ich bin dann auch immer in Hotels unterwegs und am Anfang findet man das natürlich dann toll.

SPEAKER_00 25:46 - 25:48

Dann denkt man sich, oh, toll, ein Frühstücksbuffet, ich kann mir nehmen, was ich will.

SPEAKER_00 25:49 - 25:52

Oder irgendwann nach drei Jahren denkt man sich, ich will ja eh immer nur dieselben zwei Dinge.

SPEAKER_00 25:52 - 25:56

Wieso muss ich dann in einem Raum mit anderen Leuten mir das jetzt aussuchen?

SPEAKER_01 25:56 - 26:00

Also nichts geht, für mich war es immer so, nichts geht darüber, wieder im eigenen Bett zu schlafen, zu Hause.

SPEAKER_00 26:01 - 26:04

Ja, also über ihr eigenes Bett kann ich nichts sagen, aber über mein eigenes Bett geht es mir genauso.

SPEAKER_00 26:04 - 26:12

Also ich habe noch ein paar Fragen zur deutschen Situation oder deutschen Politik im Konkreten.

SPEAKER_00 26:12 - 26:21

Ich komme aus der Schweiz, also ich bin in Amerika geboren, dann in der Schweiz aufgewachsen und jetzt wohne ich seit acht Jahren in Deutschland.

SPEAKER_00 26:22 - 26:34

Und mir ist immer wieder aufgefallen, dass der Begriff von Nationalstolz und Patriotismus, das hat natürlich komplett verständliche historische Gründe, aber der ist in Deutschland ganz anders besetzt.

SPEAKER_00 26:35 - 26:41

Wie könnte man Deutschland dazu bringen, einen gesunden Nationalstolz zu entwickeln?

SPEAKER_01 26:42 - 26:48

Ich finde, wir hatten die schönste Zeit zu diesem gesunden Nationalstolz während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006.

SPEAKER_00 26:48 - 26:52

Ja, da gibt es ein super Bild, das ist so süß, wie Sie da mit Gauck zusammen bei den...

SPEAKER_01 26:54 - 27:08

Und das war ja dann in Brasilien, als wir Weltmeister wurden, aber 2006, als wir den dritten Platz belegt haben, da, ja, es war wunderschön, Freude pur.

SPEAKER_01 27:09 - 27:13

Obwohl der Bundespräsident Gauck und ich ja gar nichts gemacht hatten, aber ich hatte...

SPEAKER_01 27:13 - 27:15

Na, Sie haben es auch nicht aktiv verhindert.

SPEAKER_01 27:15 - 27:18

Nein, nein, und ich war vor allem so aufgeregt.

SPEAKER_01 27:18 - 27:22

Ich war so aufgeregt während des Spiels, also Wahnsinn.

SPEAKER_01 27:23 - 27:56

Also 2006, als die Fußball-Weltmeisterschaft hier in Deutschland stattgefunden hat, da gibt es ja auch Bilder in dem Buch, und da war zum ersten Mal, dass Menschen sich so schwarz-rot-gold angemalt haben, das Wetter war toll, es war eine Leichtigkeit, und das hatte auch sehr viel mit Jürgen Klinsmann aus meiner Sicht zu tun, der als auch so polyglotter Bundestrainer, auch Franz Beckenbauer hatte natürlich einen großen Anteil, da eine Stimmung hereingebracht hat, die hat mir unglaublich gut gefallen, weil aus der DDR kommt, wo wir natürlich keinen Stolz auf die DDR hatten,

SPEAKER_01 27:57 - 28:07

hat es mich am Anfang manchmal verwundert, dass es doch so eine Resistenz gab oder so eine Zurückhaltung, eine deutsche Fahne zu schwenken oder schwarz-rot-gold gut zu finden.

SPEAKER_01 28:07 - 28:11

Und ich finde, mit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hat sich das etwas gebessert.

SPEAKER_00 28:11 - 28:25

Man kann leider im heutigen, oder zu diesem Zeitpunkt, wo wir uns hier treffen, kann man eigentlich nicht über Nationalstolz sprechen, ohne auch aus meiner Sicht rügend die AfD zu erwähnen.

SPEAKER_00 28:25 - 28:28

Würden Sie sagen, im Nachhinein haben Sie die AfD ernst genug genommen?

SPEAKER_01 28:30 - 28:31

Also als Gefahr?

SPEAKER_01 28:31 - 28:34

Also ich will vielleicht noch eins sagen, die AfD hat ja etwas begonnen,

SPEAKER_01 28:36 - 28:45

was dann genau diesem Nationalstolz entgegen geht, nämlich sie hat erklärt, wir sind das Volk, also sie und ihre Anhänger.

SPEAKER_01 28:45 - 29:02

Und da habe ich mich von Anfang an extrem gegen gewehrt, weil wenn irgendeine Partei versucht zu bestimmen, wer denn nur noch zum Volk gehört, und wer jetzt irgendwie die Elite ist oder nicht mehr dazugehört, dann passiert etwas ganz, ganz Schreckliches mit unserem Land.

SPEAKER_01 29:03 - 29:10

Und die AfD ist entstanden im Grunde, als die Euro-Krise stattfand.

SPEAKER_01 29:10 - 29:18

Sie ist dann knapp 2013 nicht in den Bundestag gekommen, aber war auch schon eben über vier Prozent.

SPEAKER_01 29:18 - 29:27

Und ist natürlich im Zusammenhang mit den vielen bei uns ankommenden Flüchtlingen, hat sie noch mal viele Menschen erreicht.

SPEAKER_01 29:29 - 29:36

Und inzwischen hat sie sich eben leider in den neuen Bundesländern auch sehr verbreitert.

SPEAKER_01 29:36 - 29:52

Und die Aufgabe, wie kann ich sozusagen ein Gegenprogramm entwickeln, um die AfD-Wähler, die heute AfD wählen, wieder in die demokratische Mitte zu bringen, diese Aufgabe, die steht.

SPEAKER_01 29:52 - 29:57

Und die ist eine große, große Verantwortung für die demokratischen Parteien aus meiner Sicht.

SPEAKER_01 29:58 - 30:09

Und darüber schreibe ich ja auch in dem Buch, dass da auch die Tonalität sehr viel ausmacht, das Miteinander von Parteien, die natürlich um die besten Ideen ringen und sich bemühen.

SPEAKER_01 30:10 - 30:19

Aber der Respekt, dass der da sein muss und der Umgangston, und dass man auch in den eigenen Reihen mit Leuten, die vielleicht nicht gerade die Mehrheitsbeinigung vertreten, sehr vorsichtig umgehen muss.

SPEAKER_01 30:19 - 30:22

Also wir müssen Vorbild sein an der Stelle.

SPEAKER_00 30:22 - 30:24

Die Feiertage stehen jetzt bevor.

SPEAKER_00 30:24 - 30:33

Das heißt, viele Leute werden sich auch mit Familienmitgliedern treffen, die vielleicht AfD wählen, die vielleicht Meinungen vertreten, die nicht gerade demokratiefördernd sind.

SPEAKER_00 30:33 - 30:41

Haben Sie einen ganz konkreten Tipp, wie man so eine Person nicht nur aushält, sondern vielleicht auch ein Stück weit abholen kann wieder?

SPEAKER_01 30:42 - 30:49

Naja, manche Menschen kann man vielleicht wirklich nur sehr, sehr schwer abholen, weil sie gar nicht mehr zuhören wollen.

SPEAKER_01 30:49 - 31:08

Aber dort, wo ein Gespräch möglich ist, ich würde immer versuchen, ein Gespräch, wo man noch auf Argumente hört, da muss man sich eben austauschen und auch, wie soll ich sagen, andere ausreden lassen, ein Gegenargument einbringen und über Gespräche versuchen, vielleicht doch wieder ein besseres Miteinander hinzubekommen.

SPEAKER_00 31:08 - 31:26

Unter dem Ausdruck, wir schaffen das, wo sie ja sehr verkürzt nur zitiert wurden immer, da gab es ja dann sehr, sehr viel Wind in die Segel von Leuten, die auf jeden Fall keine Flüchtlinge in Deutschland aufnehmen, geschweige denn beherbergen oder einbürgern wollten.

SPEAKER_00 31:27 - 31:31

Würden Sie im Nachhinein sagen, sind Sie gut mit der ganzen Situation umgegangen?

SPEAKER_01 31:33 - 31:45

Ich bin mit der Situation so umgegangen, wie ich es für richtig gehalten habe und wie ich glaubte, dass, und auch heute noch glaube, dass unsere europäischen Werte uns das aufgeben.

SPEAKER_01 31:45 - 32:03

Das heißt auf der einen Seite, Menschen, die bei uns ankamen, menschlich zu behandeln, ihnen ein faires Verfahren zu ermöglichen, denen, die nicht bei uns bleiben können, auch zu sagen, ihr könnt hier nicht bei uns bleiben und das ist ja eines unserer großen Probleme, dass diese Menschen dann auch wieder in ihre Heimatländer zurückkehren müssen.

SPEAKER_01 32:04 - 32:17

Zweitens, alles zu tun, um die illegale Migration zu stoppen und dazu habe ich ja dann auch das sehr umstrittene Abkommen mit der Türkei abgeschlossen, wo viele auch gesagt haben, wie kannst du jetzt mit Präsident Erdogan darüber verhandeln?

SPEAKER_01 32:17 - 32:21

Er teilt ja nicht in allem unsere Werte und dazu habe ich auch gestanden.

SPEAKER_01 32:21 - 32:25

Denn die illegale Migration ist natürlich unmenschlich im Grunde.

SPEAKER_01 32:25 - 32:33

Sie bringt die Menschen in Gefahr, sie kostet viel Geld und es führt vielleicht dazu, dass gar nicht die wirklich Bedürftigen kommen.

SPEAKER_01 32:33 - 32:46

Also der Idealfall wäre, wir würden uns entscheiden, Menschen in wirklicher Not aus den Herkunftsgebieten, wo Krieg herrscht oder Not, zu uns kommen lassen und dann eben auch Fachkräfte natürlich zu uns kommen lassen.

SPEAKER_01 32:46 - 32:55

Das ist ein langer Prozess und diesen Prozess, davon war ich überzeugt, den werden wir nicht an der deutsch-österreichischen Grenze lösen, sondern das muss Europa gemeinsam tun.

SPEAKER_01 32:55 - 32:59

Diese europäische Gemeinsamkeit ist leider nicht so ausgeprägt, wie ich mir das gewünscht habe.

SPEAKER_01 32:59 - 33:07

Und wir müssen es in Partnerschaft mit anderen Ländern jenseits zum Beispiel des Mittelmeers oder jenseits unserer europäischen Außengrenzen tun.

SPEAKER_01 33:07 - 33:19

Aber ich bin von den Grundentscheidungen her der Überzeugung, auch wenn es viel Kontroverse gebracht hat, auch wenn es Gegenwind auch heute noch gibt, dass vom Grundsatz her diese Entscheidungen richtig waren.

SPEAKER_00 33:20 - 33:27

Sie sind ja auch nicht in Deutschland aufgewachsen, zumindest nicht so, wie wir es jetzt kennen, also nicht in Westdeutschland auf jeden Fall.

SPEAKER_00 33:27 - 33:28

In Deutschland schon.

SPEAKER_00 33:28 - 33:32

In Deutschland schon, genau, aber wir sind jetzt gerade übrigens auch in Ost-Berlin.

SPEAKER_00 33:32 - 33:34

Haben Sie sich den Ort hier ausgesucht?

SPEAKER_01 33:34 - 33:38

Nein, der Verlag hat es vorgeschlagen, da hatte ich gar keine Zeit dazu.

SPEAKER_01 33:38 - 33:57

Ich wusste nicht, dass in dieser Buchhandlung, in der ich wahrscheinlich vor Jahrzehnten auch rumgetappert bin und das Ambiente ja so ähnlich war, nur das nicht ganz so bunt und die Auswahl an Büchern nicht ganz so breit, wie ich sie mir gewünscht hätte, aber hier bin ich natürlich langgegangen.

SPEAKER_01 33:58 - 34:00

Ich habe ja in Berlin gelebt, in Ost-Berlin.

SPEAKER_00 34:00 - 34:02

Würden Sie sagen, Sie sind auch entwurzelt?

SPEAKER_00 34:03 - 34:12

Also können Sie sich deswegen vielleicht auch so in Flüchtlinge hineinversetzen, weil es die Heimat, in der Sie groß geworden sind, in der Form nicht mehr gibt?

SPEAKER_01 34:13 - 34:20

Also entwurzelt bin ich nicht, weil ich die DDR-Vergangenheit ja auch zur deutschen Geschichte dazu rechne.

SPEAKER_01 34:20 - 34:25

Es ist vielleicht eine andere Wurzel, aber vom gleichen Baum sozusagen.

SPEAKER_01 34:25 - 34:42

Und das ist ja auch mit ein Problem, das schreibt ja im Buch auch darüber an einer Stelle, ich bezeichnet wurde, dass ich mit dem Ballast der DDR-Biografie ja noch nicht sofort eine von der Pike aufgelernte CDU-Mitglied sein konnte.

SPEAKER_01 34:42 - 34:55

Und ich meine, was sagt das aus, wenn der Teil der Wurzeln, der aus der ehemaligen DDR kommt, irgendwie der Ballast ist, den man am besten über Bord wirft und dann wäre man entwurzelt.

SPEAKER_01 34:55 - 34:58

Aber ich finde, wir haben ja auch etwas zur deutschen Geschichte beigetragen.

SPEAKER_01 34:58 - 35:10

Und wenn man dann denkt, wie die DDR zu Ende gegangen ist, wie viele mutige Menschen es gab, die Vorreiterinnen und Vorreiter waren, dann ist das ein ganz stolzer Teil der deutschen Geschichte.

SPEAKER_01 35:10 - 35:14

Und das haben vielleicht manchmal noch nicht alle genau erfasst.

SPEAKER_00 35:15 - 35:24

Ja, also definitiv. Ich meinte das auch nicht so, dass ich jetzt sage, Sie kommen nicht von irgendwoher oder das ist ein fremder Teil, der reinkommt.

SPEAKER_00 35:24 - 35:39

Aber ich höre schon in Ihrer Antwort auch raus, dass Sie eine viel tiefer greifende Empathie gegenüber Leuten, die sich vielleicht nicht selber als Ballast sehen, die aber als solcher wahrgenommen werden, dass sie sich da sehr gut hineinversetzen können.

SPEAKER_01 35:39 - 35:45

Ja, das ist richtig. Aber ich habe auch viele Leute in der alten Bundesrepublik getroffen, die das sehr gut können.

SPEAKER_01 35:45 - 36:02

Trotzdem ist diese Frage zum Beispiel eine Frage, die ich mir, ich habe, oder andersherum, ich habe ja immer, ich habe ja als Erste die Frage der Integration auch von Migrantinnen und Migranten in das Bundeskanzleramt geholt durch eine Staatsministerin.

SPEAKER_01 36:02 - 36:05

Und jedes Jahr haben wir Integrationsgipfel durchgeführt.

SPEAKER_01 36:05 - 36:14

Und je länger ich das gemacht habe, umso mehr stellte sich die Frage, wie lange ist man eigentlich Migrant?

SPEAKER_01 36:15 - 36:25

Wenn ich zum Beispiel eine schwarze Hautfarbe habe, wenn ich einen türkischen Nachnamen habe, da kann ich die zweite, dritte Generation sein, ich kann Staatsbürger sein, ich kann fließend Deutsch und so weiter sprechen.

SPEAKER_01 36:25 - 36:27

Und trotzdem werde ich immer so ein bisschen angeguckt.

SPEAKER_01 36:27 - 36:40

Und das habe ich dann besser verstanden, als meine Biografie als Ballast bezeichnet wurde und noch mehr als ein anderer schrieb, ich sei ja nur eine angelernte Bundesdeutsche und Europäerin.

SPEAKER_01 36:40 - 36:42

Und ich meine, das finde ich nun ganz krass.

SPEAKER_01 36:42 - 36:45

Wie viele Generationen ist man eigentlich angelernt?

SPEAKER_01 36:45 - 36:48

Und ab wann ist man nun wirklich dazugehörig?

SPEAKER_01 36:48 - 36:53

Und darüber, über sowas sollten wir schon gesamtdeutsch Ost und West immer mal wieder nachdenken.

SPEAKER_00 36:53 - 37:01

Ja, Sie waren ja die erste Kanzlerin aus der DDR und auch die erste Frau überhaupt im Amt.

SPEAKER_00 37:01 - 37:06

Und würden Sie sagen, in gewisser Weise waren Sie auch die letzte Ihrer Art?

SPEAKER_01 37:06 - 37:14

Diese Art, ja. Ich schreibe ja gleich zu Beginn des Buches, eine solche Geschichte wird es nicht wieder geben, weil die deutsche Teilung ist überwunden.

SPEAKER_01 37:15 - 37:18

Das heißt, es kann niemand mehr aus der DDR kommen.

SPEAKER_01 37:18 - 37:22

Die, die jetzt kommen werden, werden alle schon im Vereinigten Deutschland geboren sein.

SPEAKER_01 37:22 - 37:26

Und 35 Jahre Leben in der DDR wird keiner mehr hinkriegen.

SPEAKER_01 37:26 - 37:29

Dass wieder mal eine Frau Kanzlerin wird, das wünsche ich mir allerdings.

SPEAKER_01 37:29 - 37:32

Also da besteht der Unterschied zwischen Ostdeutsch und Frau.

SPEAKER_00 37:33 - 37:36

Apropos Frau im Amt, da haben Sie auch ein super Zitat.

SPEAKER_00 37:36 - 37:47

Das muss ich jetzt ganz kurz raussuchen zu Kamala Harris, wo Sie dann sagen, am Ende die, also ich kann es jetzt nicht im direkten Wortlaut wiedergeben, außer ich finde es hier in meinen Ein-Milliarden-Zetteln.

SPEAKER_00 37:47 - 37:51

Ich bin ja gar nicht so gewohnt, so fleißig mich auf etwas vorzubereiten.

SPEAKER_00 37:51 - 37:52

Ah ja, hier.

SPEAKER_00 37:52 - 37:58

Zu dem Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, ist das für Sie eigentlich okay, wenn ich jetzt Ihre Gedanken laut lese?

SPEAKER_01 37:58 - 37:59

Das ist für mich okay, ja.

SPEAKER_01 38:00 - 38:01

Sie haben es sich herausgeschrieben.

SPEAKER_01 38:01 - 38:02

Als Komedian.

SPEAKER_01 38:02 - 38:04

Ich kann es also präzise zitieren.

SPEAKER_00 38:04 - 38:09

Sie können mir ja nachher noch einen Crashkurs geben, wie man eine gute Angela-Merkel-Imitation macht.

SPEAKER_00 38:09 - 38:12

Ne, da wird Ihnen schon was einfallen, weil Sie es wollen.

SPEAKER_00 38:12 - 38:13

Okay.

SPEAKER_00 38:41 - 38:43

So, die Wahl ist durch.

SPEAKER_01 38:45 - 38:49

Ja, ich bin natürlich enttäuscht und auch etwas traurig, dass das nicht gelungen ist.

SPEAKER_01 38:50 - 38:53

Ich schreibe ja etwas vorher schon, dass ich es mir schon bei Hillary Clinton gewünscht hätte.

SPEAKER_00 38:53 - 38:59

Ja, Sie schreiben auch über ein paar Begegnungen mit Trump, die sich auch nicht so angenehm angefühlt haben.

SPEAKER_01 38:59 - 39:05

Naja, es war sicherlich immer herausfordernd, weil er eben auch sehr stark an sich denkt.

SPEAKER_01 39:05 - 39:12

Und da ist es dann natürlich auch wichtig, dass ich wusste, was ich wollte und wie meine Interessen aussahen.

SPEAKER_01 39:12 - 39:14

Ja, aber mit Kamala Harris, das bedauere ich.

SPEAKER_01 39:14 - 39:22

Und ich war schon am Morgen nach der Wahl etwas erstaunt, dass auch die Meinungsumfragen doch ganz schön daneben lagen.

SPEAKER_01 39:22 - 39:27

Also es war ja nun ein ganz knappes Rennen vorausgesagt und das war es ja dann leider doch nicht.

SPEAKER_00 39:27 - 39:35

Ich finde es jetzt auch ein bisschen problematisch im Nachhinein, dass dann gesagt wird, ja, man hat dann halt die schwarze Bevölkerung falsch eingeschätzt.

SPEAKER_00 39:35 - 39:36

Das ist jetzt wieder so.

SPEAKER_01 39:36 - 39:44

Es ist ja egal, was man falsch eingeschätzt hat, man muss einfach mal zur Kenntnis nehmen, dass es leider nicht knapp war.

SPEAKER_00 39:44 - 39:55

Gibt es einen kleinen Teil in Ihnen oder an Ihnen, der sich dann so ein Wahlergebnis anschaut und erleichtert ist, dass Sie jetzt wenigstens nicht persönlich da hinfahren müssen?

SPEAKER_01 39:56 - 39:56

Nee.

SPEAKER_01 39:56 - 40:15

Das so nicht. Aber es gibt diesen Teil, dass ich so innerlich überzeugt bin, dass nach 16 Jahren es einfach an der Zeit war, dass ich von der politischen Bühne abtrete, dass mich das gar nicht mehr sich mehr als Fragestellung so stellt.

SPEAKER_01 40:15 - 40:20

Ich bin nicht abgewählt worden. Ich konnte das selbst entscheiden, dass ich aus dem Amt gehe.

SPEAKER_01 40:20 - 40:30

Und ich habe so viel erlebt und bin so dankbar dafür, für das, was ich erlebt habe, dass ich da jetzt keine weder positive noch negative Schmerzen oder Empfindungen habe.

SPEAKER_00 40:31 - 40:39

Man kann leider auch nicht über die Weltpolitik sprechen, weder wie sie damals war noch wie sie heute ist, ohne auch über Putin zu sprechen.

SPEAKER_00 40:39 - 40:44

Es gibt hier ein Zitat, das meiner Meinung nach sehr tief blicken lässt.

SPEAKER_00 40:44 - 40:48

Und es hat auch richtig Spaß gemacht, das zu lesen.

SPEAKER_00 40:48 - 40:53

Ich habe das Buch erst vor einer halben Stunde gekriegt, deswegen habe ich es im Buch selber nicht.

SPEAKER_00 40:53 - 40:56

Aber ich glaube, es wäre medienwirksamer, wenn ich es aus dem Buch vorlese.

SPEAKER_00 40:57 - 41:08

Seit meinem Antrittsbesuch bei ihm im Januar 2006 wusste Putin, dass ich Angst vor Hunden hatte, nachdem ich Anfang 1995 in der Uckermark von einem gebissen worden war.

SPEAKER_00 41:09 - 41:18

Christoph Heusken hatte dies seinem russischen Kollegen Sergej Prychotko mitgeteilt und ihn gebeten, dass Putin seinen Hund nicht dabei haben möge.

SPEAKER_00 41:18 - 41:32

2006 in Moskau hatte er diese Bitte respektiert, wenn auch nicht ohne eine kleine Gemeinheit, denn als besonderes Geschenk hatte er mir einen großen Stoffhund mit der Bemerkung überreicht, dass dieser nicht weiße.

SPEAKER_00 41:34 - 41:54

Ich finde es irre, wie man in dem Buch merkt, dass alle Politiker, und ich gendere bewusst nicht, weil es sind nur Männer in dem Buch, die so wegkommen, alle, die so autokratisch angehaucht sind, um es vorsichtig zu sagen, die sind auch wirklich nicht nett im Zwischenmenschlichen, wenn sie nicht wollen.

SPEAKER_00 41:54 - 41:56

Wenn sie nicht wollen, genau.

SPEAKER_01 41:56 - 42:01

Also das schließt nicht aus, dass jemand auch mal nett sein kann.

SPEAKER_01 42:01 - 42:07

Aber hier ist es ja einfach interessant.

SPEAKER_01 42:07 - 42:13

Es gibt ja dann später die zweite Begegnung mit dem Hund, wo ich ihn dann auch lebendig vorgesetzt bekomme, Coni.

SPEAKER_01 42:14 - 42:14

Ein Labrador.

SPEAKER_01 42:14 - 42:23

Ein Labrador, dass offensichtlich es ein Bedürfnis gibt, so etwas aufblitzen zu lassen.

SPEAKER_01 42:24 - 42:28

Ich weiß schon, wovor du Angst hast und was sehr nicht angenehm ist.

SPEAKER_01 42:28 - 42:31

Und mir ist diese Art völlig fremd.

SPEAKER_00 42:31 - 42:45

Ich glaube, man kann das Herz, das politische Herz eines Gegenübers daran erkennen in Zukunft, ob die Person das ganze Buch liest, um was zu lernen oder nur die Stellen über sich selber sich vorlesen lässt.

SPEAKER_00 42:46 - 42:51

Ich glaube schon, Trump, der lässt sich nur die Stellen über sich oder, wenn es hochkommt, Obama und Harris vorlesen.

SPEAKER_01 42:51 - 42:53

Das weiß ich nicht, ob überhaupt.

SPEAKER_01 42:55 - 42:57

Das weiß ich nicht, ist mir aber auch egal, ehrlich gesagt.

SPEAKER_01 42:57 - 43:01

Ich habe ja das Buch auch nicht für meine Kollegen geschrieben.

SPEAKER_01 43:01 - 43:03

Die kennen sich ja alle in der politischen Landschaft aus.

SPEAKER_01 43:03 - 43:07

Ich habe es geschrieben, vielleicht für junge Menschen, die überlegen, gehe ich in die Politik.

SPEAKER_01 43:09 - 43:12

Für die, die sich vielleicht interessieren, wie läuft das alles ab.

SPEAKER_01 43:12 - 43:18

Und die auch vielleicht ein bisschen Achtung für die Demokratie haben.

SPEAKER_01 43:18 - 43:25

Und aus dem Buch wünsche ich mir, dass erkennbar wird, dass das einfach auch ein ganz feines Gespinst ist.

SPEAKER_01 43:26 - 43:31

Ich schreibe ja auch darüber, über meine vielen Termine, die ich jedes Jahr gemacht habe.

SPEAKER_01 43:31 - 43:33

Und manch einer wird das vielleicht langweilig finden.

SPEAKER_01 43:33 - 43:38

Aber das ist so wichtig für ein Land, dass man sich kennt, die verschiedenen Entscheidungsträger auf den verschiedenen Ebenen.

SPEAKER_01 43:39 - 43:47

Dass ich auch verstanden habe, dass in Deutschland nie eine Kanzlerin alles entscheidet, sondern dass ganz viele Menschen zu den Entscheidungen beitragen.

SPEAKER_01 43:48 - 43:52

Und dann die vielen außerhalb der Politik, im Wirtschaftsbereich, im Gewerkschaftsbereich, im Sportbereich.

SPEAKER_01 43:52 - 43:54

29 Millionen Ehrenamtliche.

SPEAKER_01 43:54 - 43:56

Das ist doch eine unglaubliche Sache.

SPEAKER_01 43:56 - 43:58

Und das macht eigentlich erst den Reichtum aus.

SPEAKER_01 43:58 - 44:04

Und dieses, wir schaffen das, was ich gesagt habe, da ist ja, das ist auf der einen Seite meine Haltung.

SPEAKER_01 44:04 - 44:07

Wenn einem was sich entgegenstellt, muss man es eben versuchen.

SPEAKER_01 44:07 - 44:13

Aber ich schreibe ja auch, es ist auch eine Erfahrung, dass ich nicht enttäuscht wurde, dass so viele Menschen auch mitgemacht haben.

SPEAKER_01 44:13 - 44:16

Und daraus kommt eigentlich der Reichtum unseres Landes.

SPEAKER_00 44:16 - 44:23

Also Sie sagen es ja selber, Sie haben natürlich nicht das alleinige Recht, einfach zu entscheiden, was passiert.

SPEAKER_00 44:23 - 44:30

Aber Sie haben natürlich wahnsinnig viel Entscheidungskraft gehabt und hätten auch Weichen vielleicht anders stellen können.

SPEAKER_00 44:30 - 44:49

Gerade wenn wir jetzt beim Thema Putin bleiben, gibt es ja viele KritikerInnen, die sagen, man hätte sich schon viel früher, viel aggressiver auch energietechnisch von Russland unabhängig machen sollen, um Russland halt nicht so einen riesigen Raum geben zu können, der jetzt zum Beispiel zur Aggression in der Ukraine mitgeführt hat.

SPEAKER_01 44:49 - 44:54

Ich glaube nicht, dass dieser Raum zur Aggression in der Ukraine geführt hat.

SPEAKER_01 44:54 - 45:00

Es gab immer die These, wenn zum Beispiel Nord Stream 2 in Betrieb ist, dann wird Putin die Ukraine überfallen.

SPEAKER_01 45:01 - 45:08

Er hat sie überfallen, obwohl Nord Stream 2 gar nicht in der Politik noch gar nicht fertiggestellt war.

SPEAKER_01 45:09 - 45:16

Ich glaube, dass es schon richtig war, die Kontakte zu haben, auch wirtschaftliche Kontakte.

SPEAKER_01 45:16 - 45:20

Wir sehen jetzt auch, dass er sehr schnell ausweichen kann auf Indien oder andere Länder.

SPEAKER_01 45:20 - 45:24

Also es ist ja nicht so, wenn wir bei ihm nicht kaufen, dass er nichts mehr verkauft bekommt.

SPEAKER_01 45:24 - 45:34

Ich glaube vielmehr, dass wir hätten ernsthaft da die Abschreckungsseite entwickeln müssen, also militärisch mehr investieren müssen, das 2-Prozent-Ziel schneller erreichen müssen.

SPEAKER_01 45:34 - 45:41

Das ist mir nicht gelungen. Ich habe zwar nicht dazu bekannt, aber ich hatte ja auch Koalitionspartner.

SPEAKER_01 45:41 - 45:45

Das ist mir nicht gelungen. Das bedauere ich im Rückblick.

SPEAKER_00 45:46 - 45:50

Kann man jetzt aus der Situation überhaupt was lernen, was sich neu ummünzen lässt?

SPEAKER_00 45:50 - 45:54

Oder ist das einfach eine Chance, die jetzt verpasst ist und vorbei ist?

SPEAKER_01 45:55 - 46:04

Naja, also mit dem Überfall Putins auf die Ukraine hat sich schon die gesamte Situation in Europa und für die westliche Welt dramatisch verändert.

SPEAKER_01 46:04 - 46:13

Das, was wir 1990 so fröhlich gedacht haben, dass sich jetzt die Freiheit immer weiter durchsetzen wird, das hat einen schweren Rückschlag erlitten.

SPEAKER_01 46:13 - 46:18

Und mit dieser Veränderung verändert sich natürlich auch unser ganzes Leben.

SPEAKER_01 46:19 - 46:28

Wir werden sehr viel mehr für Verteidigungsausgaben ausgeben müssen und nicht nur zwei Jahre, sondern viele, viele Jahre. Und auch 2 Prozent werden wahrscheinlich nicht reichen.

SPEAKER_01 46:28 - 46:35

Das heißt also, die gesamte politische Landschaft hat sich verändert.

SPEAKER_01 46:35 - 46:43

Und trotzdem, so endet dann ja auch mein Buch, glaube ich, dürfen wir den Mut zur Zusammenarbeit nicht verlieren.

SPEAKER_01 46:43 - 46:48

Wir können nicht sagen, weil einmal jetzt alle Regeln gebrochen wurden, das vertrauen wir überhaupt niemandem mehr.

SPEAKER_01 46:48 - 46:56

Denn die großen Menschheitsprobleme, wie zum Beispiel der Klimawandel, die werden ja nicht von Europa alleine gelöst werden können.

SPEAKER_00 46:56 - 47:01

Sie haben ja sogar 1997 ein Buch über Klimapolitik geschrieben.

SPEAKER_00 47:01 - 47:03

Zumindest kam es dann raus.

SPEAKER_00 47:03 - 47:11

Das hat mich total überrascht, weil ich schon den Eindruck hatte, dass unter Ihnen das Thema so ein bisschen stagniert, stagnierte in Deutschland.

SPEAKER_01 47:12 - 47:23

Ja, also ich meine, gemessen an den Forderungen der Grünen, die auch an den realen Forderungen näher dran waren, war ich natürlich langsam, aber ich musste es ja auch umsetzen.

SPEAKER_01 47:23 - 47:29

Aber ich war immerhin die Präsidentin der ersten Vertragsstaatenkonferenz, bei der wir jetzt die 29. haben.

SPEAKER_01 47:29 - 47:32

Und ich habe das mit Leidenschaft gemacht.

SPEAKER_01 47:32 - 47:37

Und ich war zutiefst davon überzeugt, dass wir etwas tun müssen.

SPEAKER_01 47:37 - 47:40

Die deutschen Ziele waren damals auch sehr ambitioniert.

SPEAKER_01 47:40 - 47:49

Ich konnte mich damals in der Koalition aus Union und FDP nicht durchsetzen, dass wir auch den CO2-Preis einführen.

SPEAKER_01 47:49 - 47:51

Da sind wir heute Gott sei Dank ein Stück weiter.

SPEAKER_01 47:51 - 47:54

Aber die Bedrohung ist natürlich noch mal dramatischer geworden.

SPEAKER_00 47:54 - 48:02

Als Physikerin wissen Sie ja auch schon ganz lange ganz, ganz viel über das Thema und Ihr Wissen übersteigt meines um ein Vielfaches.

SPEAKER_00 48:03 - 48:13

Sie beschreiben dann einmal auch dieses befriedigende Gefühl, was Sie haben, wenn man ein physikalisches oder mathematisches Problem löst, das dann so wie Ordnung herrscht.

SPEAKER_00 48:13 - 48:21

Glauben Sie, man wird es in der Wissenschaft irgendwann geschafft haben, dass überall Ordnung herrscht, also dass jedes einzelne Problem gelöst sein wird?

SPEAKER_01 48:21 - 48:27

Nein, glaube ich nicht. Ich glaube, dass immer wieder neue Probleme auftauchen.

SPEAKER_01 48:27 - 48:41

Also wenn ich mal überlege, was wir jetzt in den letzten Jahren über das menschliche Gehirn oder die Verdauungslandschaft gelernt haben.

SPEAKER_01 48:41 - 48:49

Ja, dass es erst jetzt ein Thema wird, dass das Mikrobiom genauso wichtig ist wie so ein zweites Gehirn über das Zusammenspiel.

SPEAKER_01 48:49 - 48:55

Ich glaube, dass es immer wieder spannende Dinge geben wird, die man erforschen kann.

SPEAKER_01 48:55 - 49:08

Wenn man überlegt, die Elementalteilchenentwicklung, wie man da immer weiter hineingeht, wenn man sich überlegt, was die Astrophysik oder die Astronomie für uns für neue Erkenntnisse bereitet.

SPEAKER_01 49:08 - 49:15

Also ich habe da null Sorgen, dass uns da der Stoff ausgehen könnte.

SPEAKER_00 49:15 - 49:32

Sie sagen, da stehen Sie kurz davor, ein Studium zu beginnen und können sich nicht so richtig entscheiden zwischen Psychologie und Physik, entscheiden sich dann aber für diese harte Wissenschaft für Physik, weil es dort halt diese ganz klaren Regeln gibt, die auch in diesem starren Rahmen der DDR gelten.

SPEAKER_00 49:32 - 49:37

Also Sie sagen, ja, dann ist man halt nicht gezwungen, mit einer Schere im Kopf über das Thema zu sprechen.

SPEAKER_00 49:38 - 49:46

Wenn die Angst vor dieser Schere im Kopf nicht gewesen wäre, also wenn Sie nicht in der Diktatur aufgewachsen wären, hätten Sie dann vielleicht doch Psychologie studiert?

SPEAKER_00 49:47 - 49:49

Entweder Psychologie oder ich wäre vielleicht Lehrerin geworden.

SPEAKER_01 49:49 - 50:00

Das war auch immer ein großes, und das wollte ich dann auch unter keinen Umständen Kinder abfragen, ob sie zur Christenlehre gehen oder politisch Maßregeln, aber sonst wäre ich vielleicht Lehrerin geworden.

SPEAKER_01 50:00 - 50:05

Ich wäre in der alten Bundesrepublik nicht Naturwissenschaftlerin geworden.

SPEAKER_01 50:05 - 50:07

Das, glaube ich, kann man als sicher annehmen.

SPEAKER_00 50:08 - 50:09

Wie lässt sich für Sie...

SPEAKER_00 50:09 - 50:11

Da wäre ich allerdings auch nicht in der Politik gelandet.

SPEAKER_00 50:11 - 50:18

Nee, also es wäre bestimmt auch gut gewesen bei Ihnen, der Unterricht, aber es wären natürlich weniger Leute gewesen, die Sie angesprochen hätten.

SPEAKER_00 50:18 - 50:23

Also ich weiß nicht, wie legendär Ihre Unterrichtsstunden geworden wären.

SPEAKER_00 50:24 - 50:30

Wie lässt sich für Sie die Welt der Wissenschaft und die Welt des Glaubens vereinen?

SPEAKER_01 50:32 - 50:34

Das ist für mich nicht so schwer.

SPEAKER_01 50:35 - 50:40

Ich finde, dass Gott die Welt, sagen wir mal, im übertragenen Sinn.

SPEAKER_01 50:40 - 50:56

Er hat es natürlich nicht, wie wir die Schöpfungsgeschichte uns jetzt vorstellen, aber wir haben eine Welt vorgefunden, in der es etwas gibt, was überhalb dieser Welt ist, was Sorge trägt, sage ich jetzt mal, für die Menschen in einer bestimmten Weise.

SPEAKER_01 50:56 - 51:10

Und ich finde es sehr, sehr beruhigend, dass man nicht immer nur unter Menschen zusammen ist und wir sind das Maß aller Dinge, sondern dass es ein Maß gibt, was oberhalb, also Transzendenz sozusagen erst oberhalb uns liegt.

SPEAKER_01 51:11 - 51:16

Und das gibt mir viel Ruhe, zu sagen, ich werde Fehler machen.

SPEAKER_01 51:16 - 51:19

Ich bin damit aber auch nicht vollkommen unmöglich.

SPEAKER_01 51:20 - 51:25

Ich kann reflektieren und ich glaube, dass das eine gute, ordnende Kraft sein kann.

SPEAKER_00 51:25 - 51:34

Sie sind ja auch wahnsinnig offen, also Sie wirken zumindest wahnsinnig offen, wenn es um Leute geht, die andere Religionen haben oder auch gar nicht gläubig sind.

SPEAKER_00 51:34 - 51:40

Also für mich zum Beispiel persönlich spielt Glaube keine Rolle, weil ich aber auch natürlich nicht so aufgewachsen bin.

SPEAKER_00 51:40 - 51:43

Sie beschreiben auch Ihren Vater, der ja Pfarrer war.

SPEAKER_00 51:44 - 51:49

Sie beschreiben es so, dass er seine Friedensethik aus dem christlichen Glauben gezogen hat.

SPEAKER_00 51:49 - 51:53

Würden Sie sagen, dass Sie da Ihre Vorstellung von Frieden auch rausziehen?

SPEAKER_01 51:53 - 52:07

Ich glaube, dass ich meine Vorstellung über das ganze Leben aus einem vielleicht etwas abstrakten, aber aus einem Gott ziehe und dass ich es beruhigend finde, dass es so etwas gibt.

SPEAKER_01 52:07 - 52:17

Aber ich glaube, dass sich mein Glaube schon nochmal von dem meines Vaters unterscheidet, weil er hatte so eine Ur-Erfahrung im Krieg, die ihn dann auch zu dem Theologiestudium gebracht hat.

SPEAKER_01 52:18 - 52:22

Und deshalb kann ich jetzt das auch gar nicht genau vergleichen.

SPEAKER_01 52:22 - 52:25

Aber natürlich bin ich durch das Fachhaus geprägt. Das ist vollkommen klar.

SPEAKER_00 52:26 - 52:38

Diese krassen Schicksalsschläge, die sich da in der Generation Ihres Vaters und auch bei Ihnen in der Generation, die sich da immer wieder aufgedrängt haben, die gibt es ja in meiner Generation zum Beispiel nicht.

SPEAKER_00 52:39 - 52:43

Können Leute, die in absoluter Freiheit aufgewachsen sind, überhaupt verstehen, wie wichtig Freiheit ist?

SPEAKER_01 52:44 - 52:45

Das denke ich schon und das hoffe ich.

SPEAKER_01 52:45 - 53:01

Aber ich hoffe auch, dass wenn wir jetzt in eine Zeit hineinkommen, in der die Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs, zum Beispiel des Nationalsozialismus, nicht mehr uns persönlich begegnen, dass wir dann nicht vergessen, was stattgefunden hat.

SPEAKER_01 53:01 - 53:16

Und ich habe zum Beispiel, als ich Bundestagsabgeordnete im Wahlkreis dort in Stralsund und Rügen war, war Margot Friedländer als Überlebende des Holocaust mit Stralsundern Schülern zusammen.

SPEAKER_01 53:16 - 53:27

Und da haben hunderte Schüler murksmäuschenstill gesessen und haben einfach einen Menschen erlebt, der noch berichten konnte, was ihm Schreckliches widerfahren ist.

SPEAKER_01 53:27 - 53:31

Und das wird es ja in Zukunft dann nicht mehr geben eines Tages.

SPEAKER_01 53:31 - 53:37

Und das ist eine große Gefahr, dass wir leichtfertig werden und Freiheit als gegeben nehmen.

SPEAKER_01 53:37 - 53:51

Und da mich darum zu kümmern, das kann ich mir auch noch als eine Aufgabe für die nächsten Jahre vorstellen, dass ich da darauf hinwirke, dass man es eben nicht vergisst und immer weiß, wie viel schlechter das Leben sein könnte.

SPEAKER_01 53:51 - 53:55

Heute ist es manchmal so, dass man vielleicht etwas zu leichtfertig ist.

SPEAKER_00 53:55 - 53:59

Sie sprechen immer wieder darüber, wie wichtig Zuhören ist.

SPEAKER_00 53:59 - 54:04

Und Sie haben ja auch eine sehr ruhige, besonnene Art, die ich sehr schätze.

SPEAKER_00 54:04 - 54:09

Jetzt nicht nur in diesem Gespräch, sondern auch einfach in Ihrem respektvollen Umgang mit anderen Leuten.

SPEAKER_00 54:09 - 54:21

Man hat das Gefühl, es wird immer mehr zu einer Wichtigkeit, schreien zu können und schrill zu sein und nicht überlegt oder analytisch zu handeln oder sich zu äußern.

SPEAKER_00 54:21 - 54:29

Kann man, wenn man mal so ein Maß an Effekthascherei gewohnt ist, kann man überhaupt wieder zurück zu dieser besonnenen Art?

SPEAKER_01 54:29 - 54:32

Ich denke schon. Das kommt ja auch an seine Grenzen.

SPEAKER_01 54:33 - 54:35

Also ich meine, ich kann jetzt die...

SPEAKER_00 54:35 - 54:37

Sie meinen, irgendwann ist das dann wieder retro, dass man zuhört.

SPEAKER_01 54:37 - 54:39

Ja, ich hoffe es.

SPEAKER_01 54:40 - 54:49

Ich glaube jedenfalls, dass diese sehr große Simplifizierung, alles in immer kürzeren und schrilleren Botschaften darzulegen, dass sie dem Leben ja nicht gerecht wird.

SPEAKER_01 54:51 - 54:52

Sie grenzt ja auch aus.

SPEAKER_01 54:52 - 54:55

Sie lässt so viel Vielfalt unter den Tisch fallen.

SPEAKER_01 54:55 - 54:58

Und ich denke, dass es immer Menschen gibt, denen das auffällt.

SPEAKER_01 54:58 - 55:06

Wir haben ja sowieso, ist die Gesellschaft viel rhythmisch schneller geworden, als sie es vor 100 Jahren war.

SPEAKER_01 55:07 - 55:15

Aber ich denke das oder hoffe eigentlich, dass es Menschen gibt, die doch dann darauf hinweisen, dass wir Gott sei Dank alle so unterschiedlich sind.

SPEAKER_01 55:15 - 55:20

Und es braucht die Leute, die alles klar aussprechen.

SPEAKER_01 55:20 - 55:24

Und es braucht die Leisen, die ihre Meinung leise vortragen.

SPEAKER_01 55:24 - 55:27

Und jeder muss zur Geltung kommen, sonst ist das keine Demokratie mehr.

SPEAKER_00 55:28 - 55:32

Ich habe jetzt nach dem Lesen das Gefühl, ich weiß alles über sie, außer wer sie sind.

SPEAKER_00 55:32 - 55:33

Na, sehen Sie?

SPEAKER_00 55:34 - 55:35

So bleibt es spannend.

SPEAKER_00 55:35 - 55:36

Ja, es bleibt wirklich.

SPEAKER_00 55:36 - 55:40

Also die ganz privaten Memoiren, die hole ich mir dann trotzdem noch.

SPEAKER_00 55:40 - 55:43

Sie sind ja nicht bekannt dafür, dass sie ihr Privatleben weit nach außen tragen.

SPEAKER_00 55:44 - 55:48

Also es gibt Fernsehserien, Keeping Up with the Kardashians zum Beispiel.

SPEAKER_00 55:48 - 55:51

Die würden wahrscheinlich sechs Staffeln über etwas drehen.

SPEAKER_00 55:51 - 55:52

Das ist ja auch deren Lebenselixier.

SPEAKER_00 55:52 - 55:55

Genau, da sagen Sie dann aber nur vier Sätze zu.

SPEAKER_00 55:56 - 55:59

Mitte der 80er Jahre änderte sich etwas.

SPEAKER_00 55:59 - 56:02

Ich lernte Joachim Sauer kennen, wir verliebten uns.

SPEAKER_00 56:02 - 56:03

Und dann ist das Thema durch.

SPEAKER_00 56:04 - 56:08

Ist es für Sie nur durch im öffentlichen Diskurs?

SPEAKER_00 56:08 - 56:15

Oder geben Sie Ihrem Privatleben und Ihren Emotionen wirklich manchmal so wenig Raum, wie Sie auch im Buch kriegen?

SPEAKER_01 56:15 - 56:17

Ich glaube, denen gebe ich schon Raum.

SPEAKER_01 56:17 - 56:21

Aber Sie sind eben privat und deshalb nicht Teil des öffentlichen Lebens.

SPEAKER_01 56:21 - 56:24

Und ich vermute mal, dass Sie das gar nicht so viel anders halten.

SPEAKER_01 56:25 - 56:33

Jeder Mensch braucht seinen Raum wieder wie einen Schutzraum, damit er sich in dem auch ungestört entfalten kann.

SPEAKER_01 56:34 - 56:39

Und dieser Raum ist für mich die Basis, überhaupt so viel in der Öffentlichkeit auch aufgetreten zu sein.

SPEAKER_01 56:40 - 56:41

Und den schütze ich.

SPEAKER_00 56:41 - 56:48

Sie hatten ja kaum Zeit, sich dann mit Ihrem Privatleben manchmal ausreichend zu befassen, weil es dann einfach natürlich was Wichtigeres gibt.

SPEAKER_00 56:48 - 56:59

Also wenn man jetzt irgendwie einen Streit hat oder sich gerade müde fühlt oder manchmal ist es auch was ganz Dramatisches, wie das eine Elternteil ist plötzlich verstorben.

SPEAKER_00 56:59 - 57:07

Und Sie sprechen dann auch darüber, dass es halt dann nicht ausreichend Raum gab für Sie, um diese Trauer zuzulassen und auch mal wirken zu lassen.

SPEAKER_00 57:07 - 57:19

Und dann haben Sie plötzlich mit Zitteranfällen zu kämpfen, wo dann ein Osteopath später sagt, ja, das scheint mir irgendwie diese verkörperliche Anspannung zu sein von dieser Trauer, die Sie nie losgelassen haben.

SPEAKER_00 57:19 - 57:28

Kann man sowas dann im Ruhestand überhaupt nachholen oder gibt es auch da eine Gelegenheit, die gepackt werden muss?

SPEAKER_01 57:28 - 57:30

Ich hoffe, dass ich das kann.

SPEAKER_01 57:30 - 57:35

Also Sie haben es richtig gesagt oder Sie haben es so gesagt, wie ich es auch empfunden habe.

SPEAKER_01 57:35 - 57:49

Als Bundeskanzlerin müssen Sie eigentlich im Grundsatz, ich hatte Freizeit, so ist das nicht, aber es konnte jeden Tag in der Freizeit, ich habe mich mit einer Freundin verabredet oder mit den Eltern oder der Familie, es konnte jederzeit etwas passieren, was Vorrang hatte.

SPEAKER_01 57:50 - 57:52

Und dann war jede Verabredung hinfällig.

SPEAKER_01 57:52 - 57:59

Es gab also das absolute Primat der politischen Ereignisse und das ist natürlich sehr anstrengend.

SPEAKER_01 57:59 - 58:15

Und gerade wenn eben zum Beispiel meine Eltern gestorben sind, dann war das zum Teil schon auch sehr, sehr hart, wenn dann auch noch versucht wird, die Beerdigung zu fotografieren und so weiter und eigentlich kein wenig Raum ist.

SPEAKER_01 58:16 - 58:27

Dass ich dann gezittert habe, hatte damit zu tun, sicherlich mit dieser Anspannung, aber eben auch, es hat stattgefunden zu einem Zeitpunkt, wo ich schon wusste, dass ich aufhören werde.

SPEAKER_01 58:28 - 58:35

Und der Körper hat schon so ein bisschen vorweggenommen, dass er wusste, du musst nicht mehr ewig durchhalten.

SPEAKER_01 58:35 - 58:40

Und das ist schon sehr interessant, dass der Kopf darüber dann keine Macht hat.

SPEAKER_01 58:40 - 58:46

Und das ist menschlich, aber für mich auch eine erstaunliche Beobachtung gewesen.

SPEAKER_00 58:46 - 58:53

Ja, und auch eine erstaunliche Beobachtung natürlich, wie wenig selbstverständlich es ist, dass ja auch eine Kanzlerin ein Mensch ist.

SPEAKER_00 58:53 - 59:02

Also was es für Mut erfordert, für sie diese Menschlichkeit oder wie sie es, glaube ich, auch manchmal interpretiert haben, Schwäche zuzugeben.

SPEAKER_01 59:03 - 59:06

Ja, an der Stelle hatte ich ja gar keine Gewalt darüber, ich habe einfach gezittert.

SPEAKER_01 59:06 - 59:15

Aber insgesamt ist das natürlich immer ein schwieriger Spagat, das muss man schon sagen.

SPEAKER_01 59:15 - 59:18

Wenn man jetzt in der Nacht nicht geschlafen hat und dann sagt man ja, jetzt bin ich müde,

SPEAKER_01 59:20 - 59:29

dann sagen alle, naja, also wenn sie müde ist, dann...

SPEAKER_01 59:29 - 59:39

Was ich konsequent gemacht habe, ich bin zum Beispiel sonnabends oft, habe ich gesagt, ich arbeite bis mittags und bin auf irgendwelchen Veranstaltungen, aber danach nicht mehr.

SPEAKER_01 59:40 - 59:46

Und dann haben immer die Leute, die mich verabschiedet haben, gesagt, sie muss jetzt gehen, weil sie den nächsten Termin hat.

SPEAKER_01 59:46 - 59:53

Und dann habe ich konsequent den Leuten, die da saßen, gesagt, nein, ich muss nicht gehen, weil ich den nächsten Termin habe, sondern weil ich nach Hause muss.

SPEAKER_01 59:53 - 59:55

Auch ich muss mal nach Hause.

SPEAKER_01 59:56 - 01:00:00

Und schon das war in der Politik viel, weil es so ein Bedürfnis gibt.

SPEAKER_01 01:00:00 - 01:00:03

Alle denken, man muss als omnipräsent erscheinen.

SPEAKER_01 01:00:03 - 01:00:08

Und ich glaube, die Menschen verstehen das schon, dass auch eine Politikerin mal nach Hause muss.

SPEAKER_00 01:00:08 - 01:00:12

Und man könnte es den Leuten ja auch tatsächlich als Termin verkaufen, weil es ist ja ein Termin.

SPEAKER_00 01:00:12 - 01:00:14

Heute würde man es Selfcare nennen.

SPEAKER_01 01:00:14 - 01:00:18

Ja, aber man kann den Termin dann schon benennen.

SPEAKER_01 01:00:18 - 01:00:22

Wenn gesagt wurde, sie muss zum nächsten Termin, hat jeder gedacht, die fährt zur nächsten Veranstaltung.

SPEAKER_01 01:00:22 - 01:00:25

Genau, und anstatt, dass dann da Obama war, war dann da Joachim Sauer und es gab einen Eintopf.

SPEAKER_00 01:00:25 - 01:00:26

So ist das.

SPEAKER_01 01:00:26 - 01:00:29

Und genau so war das ja. Oder einen gebratenen Fisch.

SPEAKER_01 01:00:29 - 01:00:31

Kann Ihr Mann auch kochen?

SPEAKER_01 01:00:31 - 01:00:36

Er könnte, aber es hat sich so eingespielt, dass ich meistens koche.

SPEAKER_01 01:00:36 - 01:00:37

Das ist bei uns genau gleich.

SPEAKER_01 01:00:38 - 01:00:39

Dafür kümmert er sich um die Wäsche.

SPEAKER_00 01:00:40 - 01:00:41

Nee, das auch nicht.

SPEAKER_00 01:00:43 - 01:00:49

Ich habe noch ein paar letzte Fragen, beziehungsweise ich habe noch an euch ein paar Aufgaben.

SPEAKER_00 01:00:49 - 01:00:54

Und zwar schreibt gerne in die Kommentare, in welcher Position ihr dieses Buch lesen werdet.

SPEAKER_00 01:00:54 - 01:00:58

Gerade wenn ihr schon Literaturerfahrener seid.

SPEAKER_00 01:00:58 - 01:01:01

Wenn ihr natürlich sagt, Lesen, das ist für mich Neuland.

SPEAKER_00 01:01:01 - 01:01:02

Da habe ich ja noch nie von gehört.

SPEAKER_00 01:01:03 - 01:01:05

Dann lasst euch inspirieren von den anderen Kommentaren.

SPEAKER_00 01:01:05 - 01:01:15

Aber von so richtigen Leseratten, die sich mit so Schinken auskennen, würde ich gerne wissen, in welcher Position lest ihr so ein Buch, ohne dass es zu langwierigen Haltungsschäden kommt.

SPEAKER_00 01:01:15 - 01:01:16

Haben Sie da einen Tipp?

SPEAKER_00 01:01:16 - 01:01:17

Weil ich finde immer, das hier ist gefährlich.

SPEAKER_00 01:01:17 - 01:01:21

Wenn man so liegt, dann wird der Trizeps schwach und es knallt einem ins Gesicht.

SPEAKER_00 01:01:22 - 01:01:24

Ich neige mehr zum Vorbeugen.

SPEAKER_00 01:01:24 - 01:01:27

Ah ja, der Tech-Neck nennt man das auch.

SPEAKER_01 01:01:27 - 01:01:28

Ach so, das weiß ich nicht.

SPEAKER_00 01:01:28 - 01:01:29

Der Technologienacken.

SPEAKER_00 01:01:29 - 01:01:31

Und wer nur gar nicht lesen will, es gibt ja noch ein Hörbuch.

SPEAKER_00 01:01:31 - 01:01:31

Richtig.

SPEAKER_00 01:01:32 - 01:01:33

Sie übernehmen hier ja meinen Job.

SPEAKER_00 01:01:34 - 01:01:35

Wollen wir Plätze tauschen?

SPEAKER_00 01:01:35 - 01:01:37

Nö, aber wenn Sie mal auf Tour kommen wollen.

SPEAKER_00 01:01:37 - 01:01:37

Ab und zu.

SPEAKER_00 01:01:38 - 01:01:41

Corinna Haarfuch liest Angela Merkel Freiheit.

SPEAKER_00 01:01:41 - 01:01:43

Durften Sie sich aussuchen, wer das liest?

SPEAKER_01 01:01:43 - 01:01:50

Wir haben verschiedene Ideen gehabt und ich war sehr froh, dass Corinna Haarfuch es liest.

SPEAKER_01 01:01:50 - 01:01:52

Und ich lese Prolog und Epilog.

SPEAKER_01 01:01:53 - 01:01:53

Sehr gut.

SPEAKER_01 01:01:53 - 01:01:55

War das schwierig oder ging es?

SPEAKER_01 01:01:55 - 01:01:56

Ja, das war schon schwierig.

SPEAKER_01 01:01:57 - 01:02:03

Ich schreibe ja an einer Stelle, wie ich mich mit den TV-Spots, mit den Fernsehspots für die Wahlwerbung immer rumgequält hatte.

SPEAKER_01 01:02:03 - 01:02:06

Und ich muss mich da schon konzentrieren.

SPEAKER_01 01:02:06 - 01:02:08

Ich bin halt keine professionelle Leserin.

SPEAKER_00 01:02:08 - 01:02:12

Genau, der Satz war, ich wurde nicht als Kanzlerin geboren.

SPEAKER_00 01:02:12 - 01:02:13

Das war jetzt aber richtig locker.

SPEAKER_01 01:02:14 - 01:02:14

Ja.

SPEAKER_01 01:02:14 - 01:02:15

Jetzt inzwischen.

SPEAKER_01 01:02:15 - 01:02:16

Gelernt ist gelernt.

SPEAKER_01 01:02:16 - 01:02:18

Und ich habe ich den Hütchen abstrangt.

SPEAKER_00 01:02:18 - 01:02:20

Und sogar diese Rap-Hand-Geste ist richtig cool.

SPEAKER_00 01:02:21 - 01:02:22

Kommentiert, liked dieses Video.

SPEAKER_00 01:02:22 - 01:02:24

Ich weiß nicht, in welchem Format das hier ausgestrahlt wird.

SPEAKER_00 01:02:25 - 01:02:29

Aber ja, macht einfach, dass alle dieses Buch kaufen und lesen.

SPEAKER_00 01:02:30 - 01:02:32

Frau Merkel, Sie hassen Unpünktlichkeit.

SPEAKER_00 01:02:32 - 01:02:36

Ich finde, es ist eine super Ausrede, falls ihr mal unpünktlich seid.

SPEAKER_00 01:02:36 - 01:02:41

Sagt einfach, ich musste noch Freiheit weiterlesen von Dr. Angela Merkel.

SPEAKER_00 01:02:41 - 01:02:43

Sie verzichten immer auf den Doktortitel.

SPEAKER_00 01:02:44 - 01:02:44

Warum?

SPEAKER_01 01:02:44 - 01:02:48

Ja, das ist ja jetzt im normalen Leben nicht so wichtig.

SPEAKER_00 01:02:48 - 01:02:51

Ich finde, es macht als Briefkastenschild unnötig länger.

SPEAKER_01 01:02:51 - 01:02:52

Was auch immer.

SPEAKER_01 01:02:52 - 01:02:55

Also ich brauche das jedenfalls nicht für mein Selbstbewusstsein.

SPEAKER_00 01:02:55 - 01:03:02

Was Sie im Buch nicht thematisiert haben, was mich total geärgert hat, weil ich mich so auf die Stelle gefreut hatte.

SPEAKER_00 01:03:02 - 01:03:04

Woher kommt Ihre Raute?

SPEAKER_00 01:03:04 - 01:03:05

Hat Ihnen das mal jemand beigebracht?

SPEAKER_00 01:03:05 - 01:03:06

Ist das die natürliche?

SPEAKER_01 01:03:06 - 01:03:17

Also ich wusste immer stehen, wusste nicht, wo richtig wohin mit den Händen und habe herausgefunden, dass das einfach eine sehr auf den Schwerpunkt konzentrierte Handhaltung ist.

SPEAKER_01 01:03:17 - 01:03:23

Und dann wurde das langsam thematisiert und so ein bisschen mein Markenzeichen.

SPEAKER_00 01:03:24 - 01:03:29

2013 wurde es auch als Emoticon dann, als kleiner als größer als Zeichen.

SPEAKER_00 01:03:29 - 01:03:30

Das finde ich auch.

SPEAKER_00 01:03:30 - 01:03:30

Ach so?

SPEAKER_01 01:03:30 - 01:03:32

Ja, wurde es dann so übernommen.

SPEAKER_01 01:03:32 - 01:03:33

Ja, es wurde vor allen Dingen als Riesenplakat.

SPEAKER_00 01:03:34 - 01:03:36

Genau, ist auch ein Bild drin.

SPEAKER_01 01:03:37 - 01:03:40

Hauptbahnhof verwendet und aus lauter Unterstützern war das zusammengesetzt.

SPEAKER_01 01:03:40 - 01:03:42

Das ist aber auch, das wäre aber komisch, wenn es immer so.

SPEAKER_01 01:03:43 - 01:03:45

Aus kleinen Fotos war es zusammengesetzt.

SPEAKER_01 01:03:45 - 01:03:57

Und ganz zum Schluss, als der Wahlkampf vorbei war, wurde dieses Plaste oder Kunststoffplakat, wurde dann mit den ganzen Fotografien, wurde dann zerschnitten und es wurden Fahrradtaschen draus genäht.

SPEAKER_01 01:03:57 - 01:03:58

Ach, haben Sie auch so eine?

SPEAKER_01 01:03:58 - 01:04:01

Nein, ich hatte keine, aber ich, das war toll.

SPEAKER_01 01:04:01 - 01:04:03

Also wollten Sie keine oder hatten wir Ihnen keine?

SPEAKER_01 01:04:03 - 01:04:04

Ich wollte jetzt keine.

SPEAKER_01 01:04:04 - 01:04:10

Und kann ja nicht mit einer Fototasche mit meinen Unterstützern auf dem Bild in einer Fahrradtasche rumfahren.

SPEAKER_01 01:04:10 - 01:04:12

Frau Merkel, ich glaube, Sie können sich einiges erlauben.

SPEAKER_00 01:04:12 - 01:04:13

Ja, aber hatte ich keine Lust.

SPEAKER_01 01:04:13 - 01:04:15

Sie waren 16 Jahre Kanzlerin, ich glaube Sie.

SPEAKER_01 01:04:15 - 01:04:19

Wenn dann mit dem Fahrrad durch die Uckermark mit den eigenen Unterstützern, ist das dann komisch, nicht zu überbieten.

SPEAKER_00 01:04:20 - 01:04:21

Aber das fände ich eigentlich auch ganz süß.

SPEAKER_00 01:04:22 - 01:04:25

Ja, vielen lieben Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit mir zu sprechen.

SPEAKER_00 01:04:25 - 01:04:31

Ich bin gespannt auf Ihre Lesereise und in 70 Jahren treffen wir uns dann für Band 2, Freizeit.

SPEAKER_00 01:04:31 - 01:04:32

Ich glaube eher nicht.

SPEAKER_00 01:04:32 - 01:04:33

Aber es war schön heute.

SPEAKER_00 01:04:34 - 01:04:34

Ja, danke schön.

SPEAKER_00 01:04:35 - 01:04:41

Wenn ihr bis hierhin geschaut habt, dann seid ihr wirklich extrem interessiert, was dieses Thema angeht.

SPEAKER_00 01:04:41 - 01:04:44

Und dann würde ich euch bitten, den Kanal zu abonnieren.

SPEAKER_00 01:04:44 - 01:04:48

Keine Ahnung, aktiviert die Glocke, lasst ein Like da, macht einfach euer Ding.

SPEAKER_00 01:04:48 - 01:04:57

Und schreibt gerne in die Kommentare, wenn ihr das Buch schon gelesen habt, was eure Highlights waren, was ihr euch vielleicht sonst noch gewünscht hättet.

SPEAKER_00 01:04:57 - 01:05:04

Und wenn ihr das Buch noch nicht gelesen habt, dann schreibt doch vielleicht in die Kommentare, was ihr euch davon erhofft.

SPEAKER_00 01:05:04 - 01:05:13

Schickt dieses Video gerne kräftig rum in den Familienchatgruppen oder zeigt es anderen Leuten beim Weihnachtsessen.

SPEAKER_00 01:05:13 - 01:05:16

Keine Ahnung, in welchem Kontext das hier konsumiert wird.

SPEAKER_00 01:05:16 - 01:05:21

Aber ich würde mich freuen, wenn es oft geklickt wird und oft geteilt, weil dann darf ich solche Sachen öfter machen.

SPEAKER_00 01:05:22 - 01:05:23

Beziehungsweise muss.

SPEAKER_00 01:05:24 - 01:05:25

Stimmt, das ist eigentlich gar nicht schlecht.

SPEAKER_00 01:05:25 - 01:05:29

Also wenn ihr mich mögt, dann teilt es, weil ihr mich mögt.

SPEAKER_00 01:05:29 - 01:05:32

Und wenn ihr mich nicht mögt, dann teilt es, weil ich das dann öfter machen muss.

SPEAKER_00 01:05:32 - 01:05:39

Und es ist einfach so ultra krass viel Vorbereitung und mega stressig, weil hier immer noch so Sicherheitsleute rumspringen.

SPEAKER_00 01:05:41 - 01:05:41

Tschüss.

SPEAKER_00 01:05:43 - 01:05:44

Oh Mist, ich habe voll vergessen.

SPEAKER_00 01:05:45 - 01:05:46

Ich wollte eigentlich am Schluss sagen, danke Merkel.

SPEAKER_00 01:05:47 - 01:05:48

Danke Merkel.

Get Your Interview Transcribed

Upload your interview recording and get professional transcription with AI-generated insights.

Upload Your Interview